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Von E. A. Wolmer. 461
Die Luft ward immer reiner, kräftiger und würziger, der Charakter der Gegend immer romantiſcher und der Pfad immer ſteiler und beſchwerlicher. Dann ging's eine Zeitlang über ein langgeſtrecktes Plateau hin und einige Male bergab und bergauf, bis ich ſchließlich, aus einem Buchengehölz auf dem Abhang einer mäßigen Höhe tretend, einen ziemlich weiten Thal⸗ keſſel vor mir erblickte, in deſſen Mitte ein freundliches Städtchen lag, ringsum von Gärten, Wieſen und Feldern umgeben.
Der Beſchreibung nach mußte das der Wohnort meines Oheims ſein; aber da ich nirgends ein Schloß gewahrte, ſo glaubte ich ſchon, nach einem ganz andern Ort gerathen zu ſein und fragte einen Hirtenknaben, der einige hundert Schritte vom Weg entfernt bei ſeiner Heerde ſtand, wie das Städtchen vor uns heiße. Die Antwort ſagte mir, daß ich das Ziel meiner Wanderung vor mir ſehe; und als ich ihn dann bat, mir das Schloß zu zeigen, deutete er auf eine Gruppe hoher Bäume, aus der ein ſtumpfer viereckiger Thurm hervorſchaute, und wies mir einen Pfad, auf dem ich, ohne das Städtchen zu berühren, dorthin gelangen könne.
Nach kurzer Wanderung erreichte ich den durch ſeine parkartige Um⸗ gebung gleichſam von der Welt abgeſchloſſenen Amtsſitz und trat durch ein kleines, von hohen Kaſtanienbäumen überwölbtes Thor in den präch⸗ tig blühenden Garten, in deſſen Mitte, wie es ſchien, ein beſcheidenes Gebäude lag, an das ſich auf einer Seite ein grauer, aus breiten Qua⸗ dern errichteter Thurm und auf der andern Seite ein ganz unanſehnlicher
Flügel anſchloß. Der ungünſtige Eindruck, welchen dieſe Bauwerke mach⸗
ten, ward aber reichlich aufgewogen durch den friſchen Schmuck, mit wel⸗ chem die Natur ſie bekleidet hatte. Wein und Epheu rankten ſich um alle Fenſter und blühende Bäume breiteten ihre Zweige über die hin und wider mit Moos bedeckten Dächer aus. Das Ganze hatte etwas ſo Fried⸗ liches und Poetiſches, daß jeder ſich vom erſten Augenblick an dort heimiſch fühlen mußte.
Als ich noch ſo daſtand und mich an dem anmuthigen Bild erfreute, trat plötzlich meine Tante aus dem Bosket neben dem Flügel hervor und blickte mich erſtaunt und fragend an, wozu ſie allerdings Urſache hatte, da mit meinem Aeußeren in den Jahren, während welcher wir uns nicht geſehen, eine ziemlich bedeutende Veränderung vorgegangen war. Sie ſelber— eine ſchlanke Vierzigerin mit feinen, intereſſanten Zügen— hatte ſich faſt gar nicht verändert, und als ich nur ein Wort geſprochen,


