Jahrgang 
2 (1862)
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Von E. A. Wolmer. 463

Das Leben im Schloſſe war ſo poetiſch, daß einem Menſchen, wie mir, der nur dann und wann auf Tage oder höchſtens auf wenige Wochen dem Geräuſch einer großen Stadt zu entrinnen vermag, recht das Herz aufgehen mußte. Schon in aller Frühe weckten mich das Geläut der Glocken der den benachbarten Waldbergen zuwandernden Heerden, das Jubeln der Hirtenknaben und der hundertſtimmige Geſang der Vögel drunten im Garten und auf den Wipfeln der blühenden Bäume, deren Zweige vor den Fenſtern meines Zimmers auf⸗- und niederſchwankten. Um ſieben oder acht Uhr ward in einer prächtigen Laube, aus der man den größten Theil des Gartens überſchauen konnte, gemeinſchaftlich ge⸗ frühſtückt. Da blühte und duftete und rauſchte und ſang es gar wonnig⸗ lich rings umher; von den fernen Höhen trug der friſche Morgenhauch die würzigen Waldesdüfte herüber und am tiefblauen Himmel zogen die weißen Frühlingswolken wie leuchtende Schwäne auf ſpiegelklarer Flut langſam dahin und verſchwanden endlich hinter den dunklen Harzbergen im Nordoſten.

Um zehn Uhr begab ſich mein Oheim hinauf in die Amtszimmer, um Termine abzuhalten, und bis zwölf oder ein Uhr gingen Leute jedes Standes, Alters und Geſchlechts im Thurme aus und ein, ohne daß man im Hauſe oder in den Gartenanlagen etwas davon gewahr wurde, da der letztere einen beſonderen Eingang für die vor dem Amt erſcheinenden Per⸗ ſonen hatte. Während dieſer Zeit unternahmen meine Tante, meine Couſine und ich Wanderungen nach irgend einem nahegelegenen ſchönen Punkte, der ohne viele Mühe zu erreichen war. Da die ſüdliche Seite des Gartens an das freie Feld ſtieß, ſo machten wir uns in unſrer ge⸗

wöhnlichen Hauskleidung, mit einer Guitarre, ſowie mit etlichen Büchern

und Muſtkalien bepackt, auf den Weg, lagerten uns unter einer ſchönen Baumgruppe neben dem klaren Bach, welcher am Städtchen vorüberfloß, und laſen oder ſangen oder horchten auf das leiſe Geläut der Glocken der Heerden, die drüben auf den Abhängen der Waldhöhen weideten, welches ſich gar lieblich mit dem Geſang der Lerchen im blauen Aether, mit dem Geſumm der Bienen um die Blumenkelche und mit dem Rauſchen in den Zweigen der Bäume vermiſchte. Ein ſchönes Gedicht oder ein ſchönes Lied in dieſer Situation geleſen oder geſungen, gewährte einen wahren Genuß.

Das Mittagsmahl war in dem poetiſch decorirten Saale eingenom⸗