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Von O. Otto. 19
Händedruck von ihm zu empfangen, oder wenn er von einem Kranken⸗ und Sterbelager heimkehrt, wo er mit ſeinem Wort dem armen Leidenden Troſt und Stärkung geſpendet hat,— ſo ſchien er mir immer mit einer Glorie umgeben zu ſein, die heller ſtrahlte, als Gold und Rang.“
„Sie haben wirklich Anlage zum Prediger,“ ſagte Nora nach einer kleinen Pauſe,„das beweiſt Ihre jetzige lange Rede; aber ſo ſchön Sie das Amt eines Geiſtlichen auch ausgemalt haben, und ſo viel Wahres auch darin enthalten ſein mag, muß ich Ihnen doch bekennen, daß ich mich nie entſchließen könnte, mein ganzes Leben einem ſo beſchränkten Kreiſe zu widmen, wie er in dieſer Stellung um Sie gezogen ſein würde. Selbſt als Frau möchte ich nicht für ewig an einer ſolchen kleinen Erd⸗ ſcholle feſtkleben und nur auf dieſe mein ganzes Wirken ausdehnen, wäh⸗ rend auf der großen, ſchönen, weiten Erde viele tauſend Wege zu den Höhen des Lebens führen, auf denen der Geiſt und das Talent ſich frei entfalten können, während auf Ihrem Pfade höchſtens Herz und Gemüth eine gewiſſe Befriedigung finden würden.“—„Und glauben Sie, daß Ruhmſucht und Eitelkeit im Stande ſind, das ganze Leben auszufüllen und uns ſo zu befriedigen, daß wir dadurch glücklich werden und unſre Umgebungen glücklich machen können?“ fragte Arwed in empfindlichem Tone.—„Ich habe von Geiſt und Talent und nicht von Eitelkeit und Ruhmſucht geſprochen,“ antwortete Nora ſich vom Stuhl erhebend;„und da wir uns ſo wenig zu verſtehen ſcheinen, iſt es beſſer, das Geſpräch abzubrechen.“
Arwed ſtand wie vernichtet da. Es war ihm heute unmöglich, noch länger in der Geſellſchaft zu verweilen, und ohne Nora anzuſehn, empfahl er ſich und verließ raſch das Zimmer. Es war ein finſterer Abend, der Schnee fiel in dichten Flocken und ein feuchtkalter Wind durchſchauerte Arwed, als er die Straße betrat und planlos mit raſchen Schritten weiter ging. Erſt vor dem Königsſchloſſe ſtand er ſtill. Die Chriſtiansborg lag dunkel und ſchweigend da, nur hin und wider war eins der hohen Fenſter erleuchtet, ein Zeichen, daß Menſchen das große Gebäude bewohn⸗ ten. Doch aus der nahen Schloßkirche fiel ein heller Lichtſchein und viel⸗ ſtimmiger Geſang mit Orgelbegleitung deutete an, daß hier der letzte Tag des Jahres mit einem Gottesdienſt beſchloſſen wurde. Arwed ſtieg die Stufen empor und betrat den von hohen Säulen getragenen Portikus,
von dem aus die Thüre in das Innere der Kirche führt. Der Geſang 2*


