20 Am Ziel.
hörte auf und der Prediger erſchien in dem Augenblick auf der Kanzel, als Arwed in die Kirche eintrat. Es war ein eigener Zufall, der die Schritte des bewegten jungen Mannes grade an den Ort lenkte, wo ihm eine ſo wohlthuende Berubigung für ſeine erregte Stimmung zu Theil werden ſollte. Grade das Gefühl, in dem er verletzt war, wurde hier wieder gehoben. Hier, wo er durch nichts an den Tand und die Eitelkeit der Welt erinnert wurde, wo allein die Macht des ewigen göttlichen Gei⸗ ſtes ſich auf die armen, gedrückten Menſchenſeelen herabſenkte, hier wurde er wieder ermuthigt, gläubig zum Himmel aufzuſchauen, welcher einzig das wahre Glück auf Erden gewähren kann. Und derjenige, der alle dieſe Glück und Segen verheißenden Worte den Menſchen verkündigte, war der Mann, deſſen Beruf Nora eben ſo geringſchätzig herabgeſetzt hatte, der Beruf, dem Arwed ſein Leben widmen wollte.
Als er nach Hauſe ging, machte er einen Umweg, um die Oſtergade nicht paſſiren zu müſſen, da ihm der Anblick des Magens'ſchen Hauſes heute unerträglich erſchien. Ohne das neue Jahr abzuwarten, legte er ſich ſchlafen, mit dem feſten Vorſatz, Nora ganz zu meiden und einen Umgang aufzugeben, der den Frieden ſeines Innern zu zerſtören drohte. Und er gewann wirklich ſo viel Kraft über ſich, der Verſuchung zu wider⸗ ſtehn, und ſchon waren drei Sonnabende verfloſſen, ohne daß er ſich in der Soirée der Frau Kommerzienräthin hatte blicken laſſen. Da erſchien plötzlich ein Bedienter derſelben, welcher an Arwed eine Einladung für den nächſten Mittag brachte, mit dem Bemerken, man hoffe, Herr Tiedgen werde ganz beſtimmt erſcheinen. Wollte Nora den Sylveſterabend wieder gut machen, an dem ſie Arwed durch ihr abſprechendes Weſen ſo tief ver⸗ letzt hatte? Gewiß war die Einladung auf ihre Veranlaſſung erfolgt, da für das ganze Haus nur ihre Wünſche maßgebend waren und die Eltern ſich auch ſtets den Beſtimmungen der einzigen Tochter fügten.
Was konnte Arwed andres thun, als dem Rufe folgen? Er wurde angenehm überraſcht, als er in dem Eßzimmer nur die Eltern nebſt der Tochter vorfand. Nora trat ihm freundlich entgegen und ſagte mit ihrem bezaubernden Lächeln:„Herr Tiedgen, zürnen Sie mir noch, weil ich Ihnen am Sylveſterabend widerſprochen habe? Aber ich kann nie wider meine Ueberzeugung ſprechen, und Ihnen mußte ich dieſe Ueberzeugung klar ma⸗ chen, weil ich Sie wirklich hochſchätze. Wäre dies nicht der Fall, könnte es mir ja ganz gleichgültig ſein, wie Sie denken und handeln und wie Ihr Leben ſich einſt geſtalten wird.“—„Vor Tiſche keine Zwiſtigkeiten,
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