Jahrgang 
1 (1862)
Einzelbild herunterladen

476 Freiburg im Breisgau.

geht ſein Viereck, das ſeine Unterlage über dem Hauptportal der Kirche bildet, in das prächtige Achteck über, wie rein und hehr ſteigt über die⸗ ſem auf den ſchmalen Pfeilern der acht koloſſalen, in hohem und reichem Spitzbogen überwölbten Fenſterräume die hochgethürmte, gleichfalls in ihren acht Seiten kühn durchbrochene Pyramide empor; wie faßt ſich in der gleichſam in den Himmel hineinwachſenden Kreuzesblume, in der ſie endet, all' die raſtlos aufſtrebende Bewegung, die von all' den einzelnen Thürm⸗ chen, Säulen, Steinblumen der ganzen Kirche aufwärts geht, zuſammen! In ihr hat ſie Abſchluß gefunden, in ihr klingt gewiſſermaßen das Lied des Preiſes und des Dankes, das aus jedem in den Himmel hineinragen⸗ den Thürmchen, aus jedem aus dieſem wieder hervorwachſenden Blüthen⸗ büſchel herauszutönen ſcheint, in Einem jubelnden Hallelujah aus.

Und wie der Thurm, ſo iſt auch die Kirche überall Leben, Be⸗ wegung, Geſtaltung in dem ſpröden Stein. Der Blick verwirrt ſich faſt vor der Fülle von Pfeilern, Spitzen, Thürmchen, die da allenthalben auf⸗, durcheinander und doch Einem Ziele, dem Himmel, zuſtreben, vor der phantaſtiſchen Wunderwelt, die da in Engeln, Heiligen, Dämonen, Pflan⸗ zen, Thieren aus jeder Ecke, jedem Pfeiler, jedem Säulenknaufe faſt her⸗ vorblüht. Es iſt wahr, es iſt der größte Triumph des deutſchen Genius, der größte Sieg, den in dieſer Vergeiſtigung des Materiellen grade inner⸗ halb derjenigen Kunſt, die vorzugsweiſe an die Schwere und Maſſenhaf⸗ tigkeit des Stoffes, des Irdiſchen gebunden zu ſein ſcheint, das Chriſten⸗ thum auf dem Gebiete der Kunſt erreicht hat, den wir hier allenthalben und überall ſehen.

Und treten wir nun durch das reichgeſchmückte, gleichſam den ganzen Steinbilderreichthum des Münſters in einen Brennpunkt zuſammenfaſſende Portal in das Innere ſelbſt ein, ſo ſtimmt das harmoniſch zum Aeußern, ſo begegnen wir da überall derſelben Pracht, derſelben Hoheit, derſelben im Ganzen ſo einfachen, ſchlichten und doch ſo unendlich erhabenen Ma⸗ jeſtät. Nur erſcheint hier alles faſt noch mehr verinnerlicht und vergeiſtigt, noch mehr losgelöſt vom Irdiſchen, noch mehr dem Höchſten angehörend und zugewendet. Wie in einem, andern Welten angehörenden Traum wandelt ſich's unter dieſen Hallen und Säulenreihen, ein unendlich ſüßes Dämmerlicht fällt durch die hohen, in tiefglühenden Farbenſchmuck gehüll⸗ ten Fenſter herein und treibt an Wänden, Boden, Bildern ein wunder⸗ bares Spiel. Man denkt unwillkürlich an Meiſter Uhlands Lied: