Von Friedrich Lampert. 475
rückweicht und nicht ſelten ſogar dem Uebermuth des Humors, der Ironie und Satire Platz macht.“ Es iſt ein durchaus freies, ideales, phanta⸗ ſtiſch⸗myſtiſches Element, in dem ſich die Gothik bewegt, das alle ihre Bauten faſt ſelbſt wie ein Spiel der Phantaſie erſcheinen läßt. Allein trotz und neben dem macht ſich auch ein ſcharfer mathematiſcher Verſtand in ihnen geltend. Der Spitzbogen, die Grundform des Baues, durch die er vorzugsweiſe ſeinen eigenthümlichen Charakter erhält, wird mathema⸗ tiſch conſtruirt über den Schenkeln des gleichſeitigen Dreiecks; die Höhen⸗ und Längenmaße des Ganzen und der einzelnen Haupttheile, des Chors, des Querſchiffs, des Mittel⸗ und der Seitenſchiffe ꝛc. bewegen ſich in ſtreng mathematiſchen Proportionen; alle Detailformen und ſelbſt die mannigfal⸗ tigen, in reicher Fülle ſich ausbreitenden Ornamente, ſoweit ſie nicht in Statuen und Bildwerk beſtehn, werden in ſtrenger Symmetrie aus ma⸗ thematiſchen Figuren zuſammengefügt und wachſen gleichſam aus den Grundformen des Ganzen in ſtrenger Geſetzlichkeit hervor. Und ſo ſpie⸗ gelt das Ganze des Baues nicht nur den Geiſt und Sinn des Mittelalters überhaupt wieder, ſondern namentlich auch„jene beiden großen, anſcheinend ſo entgegengeſetzten Richtungen, die erſt um das 13. Jahrhundert beſtimm⸗ ter hervortreten, die ſogenannte Scholaſtik mit ihren ſcharfen, grübelnden Verſtandesdiſtinctionen und ihrem Streben nach begriffsmäßiger Formuli⸗ rung und Syſtematiſirung des geſammten Glaubensinhalts, und ihr ge⸗ genüber die Myſtik mit ihrer Tiefe des Gemüths und Fülle der Phantaſie, mit ihrem Ringen nach unmittelbarer Gemeinſchaft der Seele mit Gott, nach einem völligen Aufgehn und ſeligen Ruhen in Gott, dieſe beiden großen, ſo beſtimmt unterſchiedenen Richtungen, die im Mittelalter die Verſchiedenheit der Confeſſionen vertraten, im Grunde aber doch von dem Einen Geiſte und Charakter des Ganzen ausgingen und getragen waren.“
Was ſo die Gothik wollte und erſtrebte, das hat alles im Freiburger Münſter ſeinen wahrſten und klarſten Ausdruck gefunden. Jahrhunderte haben, wie ſchon erwähnt, an ihm gebaut, aber doch ſcheint er ſo gar nicht gemacht, ſondern organiſch geworden, gewachſen zu ſein. So ſchlank und leicht und dann doch wieder ſo feſt und gediegen, ſtark und charakter⸗ voll ſteht alles da! Ueberall Kräfte an der Stelle der rohen Maſſe, Be⸗ wegung und Leben an der Stelle der todten Materie, Geiſt an der Stelle der unbeſeelten Körperlichkeit. Sehen wir nur einmal zuerſt den Thurm an, das Wunderbarſte an dem ganzen wunderbaren Bau! Wie graziös
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