474 Freiburg im Breisgau.
„Mit ſunderlicher Kunſt vom Grund auff bisz an den höchſten Gipffel geführt mit eitel Quadern und Gebildten Steinen, desgleichen man in Teutſchen Landen nicht findet nach dem Thurm zu Straszburg. Die Hey⸗ den hetten ihn vor zeiten under die Sieben Wunderwerck gezehlt, wo ſie ein ſollich Werck gefunden hetten“— ſchreibt Seb. Münſter vom Frei⸗ burger Münſter, und er hat recht, der alte Cosmograph, er iſt ein Wun⸗ derwerk, ſo ſchön und herrlich, wie Deutſchland faſt kein zweites aufzu⸗ weiſen hat. Denn ſind auch die Cathedralen von Cöln und Straßburg (wir zählen die deutſche Schöpfung dort mit Recht zu dem unſern) ganz ebenbürtig dem Freiburger, ja übertreffen ſie ihn an Größe und Dimen⸗ ſion, der Freiburger hat Eins vor allen voraus: er iſt vollendet, an ihm fehlt nichts mehr, er iſt ein Ganzes, da hat die Wunderblume deutſcher Baukunſt, die Gothik, eine volle, reine Blüthe getrieben. Jahrhunderte lang, von 1130— 1500 ungefähr, iſt, wie an allen den großen deutſchen Domen, auch an dieſem gebaut worden, die Entwicklung des deutſchen Stils, der Einfluß auch manches andern läßt ſich auch an ihm nicht ver⸗ kennen, allein im Ganzen iſt er eben doch gothiſch durch und durch, Plan und Kräfte haben hier mehr als irgendwo im Einklang gewirkt, und vor dem„von Gottes Gnaden“ deutſchen Geiſtes und deutſchen Glaubens beugt ſich hier Herz und Haupt.
Wenn in jeder gothiſchen Kirche, ſo weht uns hier heimiſche, deutſche Luft entgegen. Nur Deutſchland konnte die Gothik erzeugen. Deutſcher Glaube, deutſche Gemüthsinnigkeit haben ſie geboren. Als die mittelalter⸗ liche Kunſt und Bildung den gothiſchen Stil gefunden hatte, war ſie ſelbſt⸗ ſtändig, mündig geworden. Die antiken, griechiſch⸗römiſchen Kunſtformen, die noch dem romaniſchen Stil eingewohnt hatten, verloren auf einmal allen Sinn für ſie. In neuen, in freier Thätigkeit ſelbſtgeſchaffenen Aus⸗ drucksweiſen wollte ſie ihre ganze Stimmung und Richtung wiederſpiegeln, „jene phantaſtiſch⸗idealiſtiſche Richtung des germaniſchen Geiſtes, jene ſchwärmeriſche Sehnſucht nach dem Reiche Gottes und der Einigung mit Gott, jenen myſtiſchen Zug, die äußerliche, anſcheinend klare Erſcheinung nur als die ſymboliſche Hülle eines tief verborgenen Inhalts zu faſſen, aber auch jene transcendente überſchwängliche Phantaſie, welche auf der Spitze des ſehnſüchtigen Verlangens in die Herrlichkeit des Himmels gleich⸗ ſam hineinſchaut und ſie in Darſtellungen voll verklärter Heiterkeit ab⸗ ſpiegelt, ſo daß vor dieſer himmliſchen Luſt die weltverachtende Asceſe zu⸗


