Jahrgang 
1 (1862)
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472 Eine alte norddeutſche Provinzialſtadt. Von C. Lohberg.

Wetterfahnen, die ſcharf gegen den lichten Sommerhimmel abſtechen. Nun herrſcht Schweigen, tiefes Schweigen weit und breit das leiſe Flüſtern des Lindenlaubes im warmen Hauch vom Süden und das träumeriſche Rauſchen des Brunnens ſind die einzigen Laute, welche das Ohr zu ver⸗ nehmen vermag. Die letzten Lichter erlöſchen. Von den Thürmen hallt dann und wann der Klang der Glocken, und der Wächter ruft mit ein⸗ töniger Stimme die Stunde ab. Dann wird alles wieder ſtill.

Da klingt plötzlich aus weiter Ferne ein Poſthorn herüber die im Dampfſturmſchritt dahinbrauſende neue Zeit hat dieſen einſamen Ort nicht berührt der Poſtwagen rollt noch luſtig über Hügel und Thal, und die romantiſchen Poſthorntöne ſchallen noch allnächtlich über die wei⸗ ten Felder und die ſtillen dunklen Eichen⸗ und Fichtenwälder. Noch eine Viertelſtunde, und ein mit vier Pferden beſpannter rieſiger Wagen raſſelt unter ſchmetternden Hörnerklängen und lautem Peitſchenknall vor das Poſt⸗ gebäude. Die Paſſagiere erwachen und ſteigen aus, um ſich durch einen Trunk im nächſten Gaſthof zu erfriſchen; die Pferde werden gewechſelt, das Horn mahnt zur Weiterfahrt, die Reiſenden ſteigen wieder ein, der Schlag fliegt zu, der Poſtillon ſchwingt ſich auf ſein Pferd, und mit einem luſtigen Liede raſſelt der ſchwere Wagen davon. Die Poſtbeamten begeben ſich einer nach dem andern in's Haus, die Thür ſchließt ſich, und weit und breit herrſcht wieder tiefe Stille.

Der laufende Brunnen aber plätſchert und rauſcht die ganze Nacht im hellen Mondenſchein, und der Wächter wandelt getreulich auf und nie⸗ der, bis das Morgenroth im Oſten leuchtet.