Jahrgang 
1 (1862)
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Von E. Lohberg. 471

von dieſen oft Wahrheiten zu hören bekommen, die ihnen in ſolcher Form noch nicht geſagt worden ſind. Hie und da erblickt man auch noch eine uralte Geſtalt in halbverſchollener Tracht einem langen, ſchwarzen, tuchenen Rock mit großen, überſponnenen Knöpfen, kurzen Beinkleidern von gleicher Farbe und gleichem Stoff, dunklen Strümpfen und Schnallen⸗ ſchuhen und einem rieſigen, dreieckigen Hute, unter dem ſilberweiße Locken hervorquellen, die ein tiefgefurchtes, bleiches, ruhig ernſtes Antlitz um⸗ ſchließen.

Gegen Mittag wird das Gewühl allgemach geringer; die Bewohner der Stadt ziehen mit den eingekauften Vorräthen heim, die Bauern kau⸗ fen von dem gelöſten Gelde allerlei Waaren ein, nehmen auf oder neben ihrem Wagen oder in einer Bierbrauerei, welche zugleich Gaſthof iſt, ein frugales Mittagsmahl ein und fahren während der erſten Nachmittags⸗ ſtunden einer nach dem andern von dannen. Auf dem weiten Platze wird es nun immer ſtiller und ſtiller. Die heißen Nachmittagsſonnenſtrahlen ſcheuchen Alt und Jung in die kühlen Giebelhäuſer, hinter denen ſchattige Gärten liegen. Erſt wenn der Abend naht, erwacht wieder einiges Leben; diejenigen, welche noch Einkäufe für den nächſten Tag, einen Sonntag, zu machen haben, beeilen ſich, ihre Geſchäfte da und dort zu beſorgen, und hin und her vor den Häuſern ſieht man die Dienſtmädchen die Thü⸗ ren und Fenſter waſchen und putzen.

Jetzt verſinkt die Sonne hinter den hochgegiebelten Gebäuden, welche den freien Platz gegen Weſten begrenzen, und von den alterthümlichen Thürmen hallen die Glocken, die den Sonntag einläuten. Müde vom vollbrachten Tagewerk, treten die Leute rings aus den Häuſern, laſſen ſich auf die Bank unter dem Lindenbaume vor der Thür nieder, freuen ſich der erquickenden Abendkühle und denken in behaglicher Ruhe an den ſchö⸗ nen Sonntag, wo ſie aller Arbeit ledig im Blumen⸗- und Obſtgarten hin⸗ ter dem Hauſe ſitzen oder durch Feld und Wieſe und Wald wandern und Kraft zu dem Schaffen der nächſten Woche ſammeln können.

Das flammende Abendroth im Weſten verglüht, die Vögel auf den Zweigen der Linden verſtummen, auf dem dämmernden Platze und in den Gaſſen ringsum wird's immer einſamer und ſtiller, am dunkelblauen, wol⸗ kenloſen Himmel taucht ein Stern nach dem andern auf, und voll und klar hebt ſich der Mond von den grünen Wällen im Oſten empor und beglänzt die alterthümlichen Bauwerke mit ihren Erkern und Giebeln und

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