Jahrgang 
1 (1862)
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Eine alte norddeutſche Provinzialſtadt.

Endlich thut ſich eine Hausthür auf; ein verſchlafenes Dienſtmädchen tritt heraus, öffnet die Fenſterläden und ſchreitet dann zum Brunnen, um Waſſer zu holen. Gleich darauf erſchallt Pferdegetrappel vor dem Poſt⸗ gebäude; pfeifend kommt ein Poſtillon mit ſeinen Roſſen dahergezogen, ſpannt dieſe vor die ſchwerfällige Poſtkutſche und ſtößt in's Horn, um die wenigen Paſſagiere, welche ſich zur Fahrt nach einer der nächſten Provin⸗ zialſtädte gemeldet haben, herbeizurufen. Auch in den andern Häuſern rings auf dem freien Platz, ſowie in den benachbarten Straßen erwacht allgemach das Leben, aber dies beſchränkt ſich auf das Hin- und Herwan⸗ dern der Dienſtboten und einer Anzahl Arbeiter, das Lachen und Schreien der zur Schule gehenden Jugend, das Geraſſel einiger Milchkarren und das Gehämmer einiger Handwerker.

Um neun Uhr verändert ſich aber wie durch einen Zauberſchlag die

Scene. Von allen Seiten kommen vierrädrige, mit zwei, drei oder vier

Pferden beſpannte Bauerwagen angefahren, die mit Getreide, Hanf, Flachs und Gemüſen, mit getrocknetem und friſchem Obſt, mit Schinken und Speck, mit Mettwürſten, Eiern und Butter beladen ſind. Auf oder zwi⸗ ſchen den Säcken und Körben thronen die Frauen und Mädchen; die Männer und die jungen Burſchen wandern neben dem Wagen her. Der freie Platz, der vor einer Viertelſtunde noch wie verödet war, bietet jetzt ein Bild des regſten und bunteſten Lebens dar. Die Hunderte von Wa⸗ gen formiren eine ſo dichte Phalanx, daß ſich ein mit Kaufmannsgütern beladenes Vehikel nur nach unzähligen Flüchen ſeines Lenkers und kräf⸗ tigen Demonſtrationen von Seiten der ſtämmigen Landbewohner einen Durchgang erzwingen kann.

Natürlich ſtrömen nun auch aus allen Theilen der Stadt Käufer und Käuferinnen herbei, und es iſt gar intereſſant, die mit einander handeln⸗ den Gruppen zu beobachten. Beſonders anziehend ſind die verſchiedenarti⸗ gen Trachten, die man überall erblickt. Hier die kräftigen Geſtalten der Bauern in kurzen blauen Tuchjacken, leinenen Beinkleidern und hohen Stulpſtiefeln, und daneben die behäbigen Bürgerfrauen und Bürgertöchter in ſtädtiſcher, aber etwas altmodiſcher Kleidung; dort die von Geſundheit ſtrotzenden Landmädchen in dunklen, geſtreiften oder bunten Röcken und Miedern, mit hellfarbigen Tüchern und rothbebänderten Mützen, und da⸗ neben die ehrſamen Bürger und angehenden Victualienhändler und Ge⸗ würzkrämer, welche mit den Schönen vom Dorfe ſchäkern und lachen, aber