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Von E. Lohberg. 469
derung durch Gegenden, welche noch nicht ſo ſtark vom Hauch der„Civi⸗ liſation“ berührt worden ſind, plötzlich in eine der ſtillen Gaſſen oder auf einen der freien Plätze jener alten Stadt tritt, ſo wähnt man ſich in jene längſt entſchwundene Zeit verſetzt, wie ſie Heinrich Heine in ſeinem„See⸗ geſpenſt“ ſo poetiſch ſchildert. Die aus dunklen Backſteinen erbauten hohen Giebelhäuſer mit den ſchmalen Fenſtern, den zahlloſen Bodenluken und den breiten Thüren, vor denen hie und da ein Lindenbaum mit einer Bank ſteht; die ebenfalls aus Backſteinen erbauten Kirchen und Thürme mit ihren Kupferdächern und die alterthümlichen laufenden Brunnen tra⸗ gen ein eigenes Gepräge, welches beſonders einem Süddeutſchen auffallen muß. Ringsum iſt die Stadt von hohen, mit prächtigen Linden bepflanz⸗ ten Wällen umgeben, von denen man über die ächt norddeutſchen Gärten und Felder bis zu den dunklen Fichtenwäldern und den ſtillen Haiden hin⸗ überſchaut, welche ſich bis zum fernſten Horizont hinziehn.
Der Verkehr, welcher die Stadt als einen Stapelplatz des Handels einſt belebte, hat jetzt längſt andre Bahnen eingeſchlagen und andre Mit⸗ telpunkte gewonnen. Die mit rothen Flieſen belegten weiten Fluren und die umfangreichen Böden der großen Kaufmannshäuſer, die ehemals mit Waarenballen und Fäſſern und Kiſten gefüllt waren, ſind jetzt leer; auf den freien Plätzen, wo ſonſt rieſige Laſtwagen raſſelten, Pferde ſtampften und wieherten und Peitſchen knallten, herrſcht jetzt tiefe Stille, die nur an zwei Tagen in der Woche auf kurze Zeit durch das Getümmel eines Gemüſe⸗ und Fruchtmarktes unterbrochen wird; neben den ſtattlichen Ma⸗ gazinen und Speichern am Fluß, an deren Fuß es einſt von kleinen Laſt⸗ ſchiffen wimmelte, ſieht man jetzt nur einzelne Kähne mit Obſt und Ge⸗ treide— alles iſt wie ausgeſtorben.
Wie ſich ein Tag im hohen Sommer in dieſer einſam liegenden Stadt geſtaltet, möge folgende Skizze zeigen.
Es iſt Samſtag. Die Sonne iſt eben hinter den grünen Wällen emporgeſtiegen und beſcheint hell und klar den ringsum von hohen Gie⸗ belhäuſern umgebenen freien Platz, den Mittelpunkt der Stadt, auf dem noch tiefe Morgenſtille waltet. Nur die Vögel ſingen fröhlich in den Wipfeln der Linden, welche vor den Thüren und neben der uralten Kirche ſtehen, und hoch in den Lüften ſchallen die leiſen Jubellieder der Lerchen; dazwiſchen tönt fort und fort das Rauſchen des Brunnens, deſſen Waſſer luſtig in den Strahlen der Sonne glitzert.


