Jahrgang 
1 (1862)
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Eine alte norddentſche Provinzialſtadt.

Von E. Lohberg.

Bei dem WorteProvinzialſtadt pflegt einem eingefleiſchten Be⸗ wohner einer Hauptſtadt, und ſei dieſe auch nur mit einigen tauſend See⸗ len geſegnet, ſtets ein mitleidiges Lächeln um den Mund zu ſpielen, und unwillkürlich fallen ihm allerlei unerfreuliche Dinge ein, welche an ſolchem ſchrecklichen Orte zu Hauſe ſind oder zu Hauſe ſein ſollen, zum Bei⸗ ſpiel Spießbürger vom reinſten Waſſer, auf dem Trottoir wandelnde Kühe und Borſtenträger, entſetzliche Langeweile und dergleichen. Es iſt nun allerdings nicht in Abrede zu ſtellen, daß die Zuſtände in einer Provin⸗ zialſtadt manches zu wünſchen übrig laſſen, und daß ein ächter Haupt⸗ ſtädter ſich in einer ſolchen ſehr unbehaglich fühlen muß; nichtsdeſtoweni⸗ ger hat eine Provinzialſtadt auch ihr Gutes und bietet grade als ſolche Eigenthümlichkeiten dar, welche die Hauptſtadt nicht haben kann, und welche ſelbſt dem verwöhnten Bewohner einer Capitale ein flüchtiges In⸗ tereſſe einzuflößen vermögen. Man ſoll jedoch nicht von dem Letzteren verlangen, daß er ſich monatelang in das Leben eines kleinen Ortes ver⸗ tieft, um auf die Entdeckung dieſer Eigenthümlichkeiten auszugehn, ſondern ihm dieſelben hübſch ſchwarz auf weiß präſentiren, dann wird er ſelbſt dem Unbedeutenderen mit gnädigem Kopfnicken für kurze Zeit ſeine Auf⸗ merkſamkeit ſchenken.

Nicht gar weit von der Niederelbe entfernt liegt eine mittelgroße Stadt, deren Gründung in die Zeit der erſten ſächſiſchen Kaiſer fällt und die im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert eine nicht unbedeutende Rolle in der Geſchichte ſpielte. Wenn man jahrelang in einer neumodi⸗ ſchen, eleganten, geräuſchvollen Stadt gewohnt hat und auf einer Wan⸗

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