2 Madonna Luna.
Entbehren war dabei freilich keine Rede, denn ich war im Anfang der Dreißiger und über die ungebändigte Geſellſchaftsluſt hinaus; überdies lebte auch meine Braut noch und unſre Hochzeit war auf den Anfang des nächſten Sommers feſtgeſetzt, ein weiterer Grund für mich, um mich im ſtillen Leben und meiner alleinigen oder nur durch ein paar Freunde ge⸗ bildeten Geſellſchaft am wohlſten zu fühlen. Ich hatte daher auch weni⸗ ger Beſuche gemacht und Bekanntſchaften geſucht als vordem und war ſelbſt bei den bekannten Familien, die noch zugänglich, wenig oder gar nicht mehr erſchienen. Von dem Diner, das dem Balle vorherging, hatte ich mich ausſchließen können, den Beſuch des Balles dagegen vermochte ich ſchon deswegen nicht wohl zu umgehn, weil man mir das an höherer Stelle ſicher übel gedeutet hätte; und ſo legte ich denn endlich in Gottes⸗ namen meine Acten auf die Seite, zog mich an und ging hin. Es mochte etwas nach zehn Uhr ſein, als ich in den Saal trat.
Bekannte traf ich bald, ſtand und plauderte mit ihnen, ging dann auch dieſer oder jener Familie mein Kompliment zu machen, redete mit den Müttern, ſcherzte und neckte mich mit den vom Tanz ausruhenden Töchtern, wie das ſo in der ganzen Welt üblich, und blieb endlich, da die Tanzenden grade zum letzten Walzer vor der Pauſe antraten, bei der Dame ſtehen, mit welcher ich zuletzt geplaudert. Sie machte mir an ihrer Seite Platz und wir ſetzten unſre Unterhaltung über Stadt und Land, über Bekannte und Verwandte, über Trauerfälle und Freudenereigniſſe, über die Tanzenden endlich, kurz über alles fort, was Einem bei ſolchen Gelegenheiten durch den Kopf geht. Natürlich war auch von den vielen Kranken unter unſern Bekannten die Rede, und indem ich ein eben vor⸗ übertanzendes hübſches junges Mädchen theilnahmsvoll mit den Blicken verfolgte, bemerkte ich:„jetzt ſteht man's der Julie nicht an. Vorhin aber, in der Ruhe, ſpürte man's wohl, wie krank ſie geweſen. Die ſollte ſich auch nur in Acht—
„Halt! Wer iſt denn aber das?“ unterbrach ich mich ſelbſt und ſchaute wie gebannt der Dame nach, welche eben mit ihrem Herrn austanzte und die letzten wenigen Schritte bis zu ihrem Platz in der Colonne gehend zurücklegte. Ich habe wohl ein Recht, mich ‚gebannt' zu heißen, wie ich damals eins hatte, es zu ſein; Erſtaunen und Ueberraſchung war es nicht, was ich fühlte, der Eindruck, den dieſe Erſcheinung auf mich machte, war ein bei weitem tieferer und überwältigenderer. So viel Unfug auch mit


