Jahrgang 
2 (1861)
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Kinder erziehn und in die Welt ſchicken, die Belehrung für uns und ſie nicht nur aus dieſen fremden Zuſtänden, ſondern auch noch aus einer fremden, fernen Zeit holen, die von der unſern, trotz allem was man ſagen mag, in jeder Richtung, innerlich und äußerlich, grundverſchieden iſt und daher Manches, was damals Geltung und Anwendung fand, jetzt abſolut überflüſſig und nich⸗ tig erſcheinen läßt?

E. Willkomm, VerirrteSeelen. 3 Bde. Leipzig. Brockhaus. Das iſt denn ein Roman, an dem man einmal wieder ſeine volle Freude haben kann, muſterhaft angelegt und durchgeführt, ſpannend und maßvoll, voll Menſchen und wahren Lebens. Der Verfaſſer ſteht durchaus über ſeinem Stoff und weiß ihn mit ſo leichter Hand zu be⸗ herrſchen, zu geſtalten, daß wir nichts von der Kunſt und den Kunſtgriffen des Dichters gewahr werden, ſondern in der Erzählung und den Ereigniſſen ſtehn, wie wir es in unſerem wirklichen eigenen Leben, in unſerer Umgebung thun. Beſonders empfehlen wir jungen Schriftſtellern dies Buch zur eingehend⸗ ſten und, wenn ſie es annehmen wollen, belehrendſten Lecture. Sie lernen wenig⸗ ſtens daraus, wie man die wunder⸗ lichſten Verwickelungen ohne die geringſte Uebertreibung ſich geſtalten läßt und durchführt, wie man einen Roman ohne eine Spur von Unwahrſcheinlich⸗ keit komponirt, wie man Perſonen er⸗ ſchafft, die uns ſtets wie lebendige Menſchen entgegentreten. Ja, vor allem dieſe Perſonenſchilderungen und Charak⸗ terzeichnungen ſind des höchſten Lobes würdig, und wir möchten, zumal nach dieſer Seite hin, das Buch zu den beſten dieſer Art zählen.

Guſtav vom See, Zwei gnä⸗ dige Frauen. 3 Bde. Breslau. Tre⸗ wendt. 1860. Auch dies Buch müſſen wir der wärmſten Anerkennung und Empfehlung für würdig erklären. Der bekannte und beliebte Erzähler gibt uns eine abenteuerlich verwickelte Familien⸗ geſchichte aus der Zeit des ſiebenjährigen Krieges, die deſſenungeachtet aber nir⸗ gends den Eindruck der Unwahrſchein⸗

lichkeit und Unnatur macht. Es iſt grade die Kunſt des Erzählers, das an⸗ ſcheinend Unmögliche möglich, das Un⸗ geheuerlichſte ganz natürlich erſcheinen zu laſſen. Die Frau, die ſich von ihrem Manne trennt und ihm ſelbſt eine neue Gattin gibt, nur, damit er einen Sohn und Erben erhalte, die dann, bei der Unfähigkeit aller Uebrigen, in der ſchwe⸗ ren Zeit zurückkehrt, die Verwaltung übernimmt, neben der Gattin ihres früheren Mannes ruhig ernſt hinlebt, die Retterin der Familie und ihres Be⸗ ſitzes wird und nach dem Tode der Anderen wieder in ihre alten Rechte eintritt iſt ſo etwas anſcheinend Unmögliches. Und nun leſe man das Buch und erfreue ſich der Kunſt, der Einfachheit und Klarheit, mit denen dieſe Verhältniſſe vor uns ſich geſtalten, ſich abwickeln, natürlich, ja nothwendig werden!

H. Mahler, Militäriſches Bilderbuch. Glogau. Flemming. 1860. Darſtellungen aus dem Soldaten⸗ leben einesFreiwilligen in der preußi⸗ ſchen Armee, die zum Theil auf wirk⸗ lichen Erlebniſſen beruhen mögen. Zum Theil, wiederholen wir, und der Verf. geſteht in der Vorrede auch ſelber zu, daß manches in dem Büchlein erfunden ſeiaber dem Leben ſich anpaſſend, ſo daßUnmöglichkeiten nicht vorkom⸗ men. Dies Letztere erlauben wir uns einigermaßen zu bezweifeln. Beim Er⸗ finden ſcheint hie und da Phantaſie und Gereiztheit mit dem Verf. ein wenig durchgegangen zu ſein, denn es kommt allerdings mancherlei vor, was wir nach unſerer eigenen Erfahrung Schreiber dieſer Zeilen hat vordem gleichfalls als Freiwilliger gedient ſo lange für unmöglich erklären müſſen, bis uns das Gegentheil bewieſen wird. Sodann hat der Herr Verf. manche Noth und Quälerei, von der er berichtet, augen⸗ ſcheinlich ſelbſt und muthwillig ver⸗ ſchuldet. Auch im Uebrigen können wir das Büchlein nicht grade rühmen. Es iſt ſehr leicht und flüchtig, hin und wider gradezu unbeholfen geſchrieben.

Album, Bibliothek deutſcher Originalromane. XV. Jahrg. Prag.