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Von Edmund Hoefer. 479
nicht glaubte, wenn er, dieſen Erfolg angenommen, kein beſonderes Heil daraus erwachſen ſah? Was hat uns die Zeit und die Begeiſterung von Anno Dreizehn denn außer der Befreiung von der Fremdherrſchaft noch ſo Großes und Rühmenswerthes gebracht?
Sollte Goethe das Schwert zur Hand nehmen und mit d'rein ſchlagen? Sollte er Kriegslieder dichten? Sollte er in der Kanzlei Proklamationen und Aufrufe abfaſſen und Reden an die deutſche Nation ſchreiben, er, der eben an die innerliche Wahrheit und Tüchtigkeit des Aufſchwungs nicht glaubte und nicht glauben konnte und noch weniger an ſegensreiche Folgen deſſelben? Sollte er ſich enthuſtasmiren für die Ideen von Freiheit, Vater⸗ land, Deutſchthum und dergleichen, deren Unreife nach dem Kriege von Tag zu Tage auch dem Blindeſten immer klarer werden mußte, denen von allen irgendwie namhaften Männern jener Tage kaum Einer oder der Andere, und dann nur im ſehr ermäßigten Umfange anhängig blieb?
Ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der das Tüchtige und Große, das Schöne und Erhebende jener Zeit verkennt oder es verkleinern möchte; im Gegentheil, ich erkenne es freudigen Herzens an. Aber wenn ich alles, was damals geſchah und nicht geſchah, und daneben Goethe's Alter, ſeine Per⸗ ſönlichkeit und Weſenheit, die ſich in vierundſechzig Jahren geſtaltet und befeſtigt hatte, mit dem zuſammenhalte, was man in dieſer Beziehung dem großen alten Mann vorgeworfen hat, was man ſich die Miene gibt, von ihm erwartet zu haben— ſo werde ich immer betroffener und frage noch viel dringender: was will man denn um Gotteswillen endlich von ihm?*
Wenn ich Goethe's Perſönlichkeit und Weſenheit bedenke, wiederhole ich, denn da grade liegt's! Jeder Menſch hat das Recht zu ſein, zu leben, zu denken und zu handeln, wie es ihm durch Geburt und Erziehung, durch den Gang ſeiner Bildung, durch Stellung und Verhältniſſe, mit einem Wort durch das Leben gegeben und in ihm ausgebildet wurde,— und an keinem Menſchen hat man dies erſte und natürlichſte Recht weniger gelten laſſen wol⸗ len als an Goethe. So viele Beurtheiler der Menſch und der Dichter gefunden, faſt alle haben es, wenn nicht mit nacktem Wort, ſo doch durch ihre Beur⸗ theilung, durch die ihm gemachten Vorwürfe und die an ihn geſtellten Forde⸗ rungen ausgeſprochen: er durfte und ſollte nicht ſein, der er war, ſondern als den ihn dieſer oder jener oder jeder Einzelne ſich gedacht hatte, am liebſten
* Man vergleiche, was Goethe ſelber über dies alles ſagt, bei Eckermann, Geſpr. mit G. Bd. III. S. 313 ff.


