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480 Blicke in Goethe's Leben und Werke. Von Edmund Hoefer.
hätte ſehn mögen. Man ſucht in ſeinen Dichtungen nicht liebevoll auf und genießt nicht, was er uns gibt, ſondern grübelt und findet nur das heraus — oder findet es auch nicht— was man ſelber ſich denkt und aufdenkt.
Das iſt, ich weiß es wohl, das Loos eines jeden Menſchen, der über⸗ haupt zur Beurtheilung Veranlaſſung gibt, und beſonders eines jeden Dich⸗ ters. Aber es bleibt ein trauriges Loos. Es liegt eine grenzenloſe Selbſt⸗ überhebung, ein frecher Hochmuth in der Weiſe, wie man häufig einen Menſchen und ſein Handeln, einen Dichter und ſeine Werke beurtheilt findet. Was kann es Hochmüthigeres geben, als wenn ich von jemand ſage— denn darauf läuft es doch hinaus!—: er handelt und ſpricht nicht, wie ich es gethan habe oder hätte, daher taugt er nichts!— Und was kann entwür⸗ digender ſein, als wenn man das Werk eines Dichters oder Schriftſtellers nicht von ſeinem oder einem allgemeinen, ſondern nur vom eignen Stand⸗ punkt beurtheilt, und ſelten oder nie den Gründen nachdenkt, die ihn dies oder jenes ſo und nicht anders ausſprechen ließen? Man nimmt etwas, das wie eine Ueberlegung oder ein Grund ausſieht, bei dem armen Teufel gar nicht an, hält es in ſeiner eigenen Weisheit gar nicht für möglich, daß er mit Sinn und Verſtand, mit Nachdenken geſchaffen habe.
Will man das Meiſte bei einander finden, was gegen Goethe den Menſchen und Dichter geſagt worden, ſo muß man die Mittheilungen Rie⸗ mers über ihn leſen, obſchon ich das Buch ſonſt nicht rühmen kann. Es iſt einerſeits zu verbittert und parteiiſch, und andrerſeits in einer Manier ge⸗ ſchrieben, welche die unleidlichſte von der Welt ſein dürfte. Riemer hat Goethe'n auf's peinlichſte abgelauſcht,„wie er ſich räuspert und wie er ſpuckt,“ und alles, was uns die ſpäteren Werke des Dichters ſo häufig ungenießbar macht, den geſchraubten Stil, den unſeligen, hie und da halb kindiſchen Schema⸗ tismus, auf das getreulichſte nachgeahmt mit den Zuthaten unzähliger Fremd⸗ wörter und einer Parade machenden philologiſchen Gelehrſamkeit, die den Leſer ſchier zur Verzweiflung bringen müſſen. Aber das Thatſächliche löst ſich für den Denkenden aus dieſer anſcheinend ſo geordneten und in Wahr⸗ heit ſo wirren Maſſe dennoch los und iſt geeignet, ſtets von neuem uns zu intereſſiren und zur halb komiſchen, halb traurigen Verwunderung über das zu bringen, was die lieben Deutſchen ihrem größten Dichter alles in die Schuhe ſchoben und ihm zu tragen gaben.


