478 Blicke in Goethe's Leben und Werke.
und Geſittung“ verletzt und„die Würze geſchlechtlicher Beziehungen“ gar zu ſehr geliebt habe.
Grade ſo unklar, wie die Forderungen der Frommen, ſind die der Deutſch⸗ thümler und Patrioten, die alle am Ende auf den einen— und zwar auf den zweiten oben erwähnten— Vorwurf hinauslaufen, daß Goethe ſich von der Erhebung gegen die Franzoſenwirthſchaft fern gehalten und kein beſonderes Gefühl für das„Vaterland“ gehabt. Dabei iſt nun wohl zu bedenken, daß der Begriff„Vaterland“, inſofern daſſelbe das ganze Deutſchland umfaſſen ſoll, ein ſehr moderner und noch heutigen Tags für ſehr viele Leute gar nicht vor⸗ handen iſt. Zu Goethe's Zeit gab es aber für die Meiſten— ich weiß nicht genau, wie viel hundert„Vaterländer“ im heiligen römiſchen Reich, und diejenigen, welche ſich bis zu dem Begriff des Einen erhoben, möchten alle einzeln zu nennen ſein. Sodann ſind wir jener Zeit nachgradr fern genug, um klarer, ruhiger und ohne Uebertreibung über ſie und die damaligen Be⸗ ſtrebungen urtheilen und es mit Beſtimmtheit ausſprechen zu können: es iſt zu viel, wenn man behauptet, daß jene Erhebung und Begeiſterung eine allgemeine war. Das iſt ſie ſtreng genommen nur in den preu öiich Pro⸗ vinzen und in einigen angrenzenden Landſtrichen, mit einem Wort, in Nord⸗ deutſchland geweſen. Schon in Sachſen, in Thüringen iſt gar em Rede von einer wirklichen ausgebreiteten Betheiligung der ſogenannten beſſeren Klaſſen, geſchweige denn von einer ſolchen des Volks, und je weiter nach dem Süden, deſto weniger. Ja ſelbſt in N orddenſſchland hat es denn doch wohl noch Männer genug gegeben, die der Bewegung fern, ja fremd blieben, wenn ſie damals auch ihre gegentheilige Anſicht vernünftigerweiſe nicht ausſprachen.
Man hört zuweilen noch heute angeführt: Schiller hätte ſich anders betheiligt!— Dagegen ſage ich nur: es iſt ein ſehr mißlich Ding, von jemand behaupten zu wollen, er werde ſich in dieſem oder jenem Fall ſo oder ſo benommen haben, der, wenn dieſer Fall eintritt, doch ſchon längſt außer Stande iſt, ſich nch irgendwie zu benehmen, und während ſeines Lebens keine Gelegenheit gefunden hat, uns über ſein Handeln in ſolchem Fall zu vergewiſſern. Es dürfte doch mindeſtens noch ſehr die Frage ſein, ob Schiller ſich für das, was er in ſeiner Dichtung verherrlicht, nun auch in der oft— ſehr nackten, ſehr rauhen und rohen, und am allerwenigſten idealen Wirklichkeit der Tage von 1813 zu begeiſtern vermocht hätte. Wer könnte es einem ruhigen und klaren Kopf verdenken, wenn er an einen Erfolg der vielgegliederten, vielköpfigen Verbündeten gegen den Einen Napoleon


