Jahrgang 
1 (1861)
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Von Edmund Hoefer. 477

immer mehr dem Rationalismus huldigte. Wenn man behauptet, daß man in der Mitte des vorigen Jahrhunderts frommer geglaubt und gelebt als heutigen Tags z. B., ſo möchte der Beweis dafür in Anſehung aller ſoge⸗ nannten beſſeren Klaſſen und der geſammten höheren Geſellſchaft ſehr ſchwer zu führen ſein. Dieſe Behauptung hängt, beiläufig geſagt, genau mit der neuerdings häufig ausgeſprochenen, aber niemals wirklich begründeten, und zum mindeſten ſchwächlichen Anſicht zuſammen,daß es vordem beſſer ge⸗ weſen als jetzt einer Anſicht oder einer Klage, die man nun ſchon ſeit Adams und Cvas Vertreibung aus dem Paradieſe ſtets in gleicher jammer⸗ voller Weiſe wiederholen hört. Zwiſchen Goethe's Zeitgenoſſen, während ſeiner erſten Lebenshälfte, finden wir, wenn wir ehrlich ſein wollen, kaum ein paar wirklich bekannte Namen und bedeutende Geiſter, die in Religions⸗ ſachen einer ſtrengen Anſicht ergeben, mit einem Wortfromm undgläu⸗ big waren. Dagegen gibt es manchen, der ebenſo wie Schiller von ſich ſagen durfte wenn er es auch nicht ſo nackt ausſprach daß er ein decidirter Nicht chriſt ſei.

Ich bin hier ſchon weiter in dies Thema hineingerathen, als es in dieſem Abſchnitt beabſichtigt war, und ſo will ich nur noch kurz hinzuſetzen: das allerſeltſamſte, um nicht zu ſagen: das allerkomiſchſte bei dieſem Vor⸗ wurf der Gottloſigkeit iſt, daß man wirklich nicht recht begreift, was denn nun dieFrommen eigentlich von dem alten Dichter verlangt und gewollt haben, wie er ſich in ſeinen Dichtungen und Schriften denn als einen Gläubigen und Chriſten habe erweiſen müſſen, um ihren Anforderungen Genüge zu thun? Sollte er Tractate ſchreiben, für die Miſſion wirken,

fromme Romane z. B. einen Vorläufer des Eritis sicut Deus ver⸗ faſſen, geiſtliche Lieder dichten? Sollte er, um einen Begriff und eine

Redewendung anzuführen, die ich ſonſt nicht anwende, weil ich ſte, offen geſtanden, beide für begrifflos und nichtsſagend halte ſollte er der, chriſt⸗ lich-germaniſchen Weiſe und Kunſt Rechnung tragen obgleich der arme Mann ſtarb, bevor irgend ein Menſch vomChriſtlich Germaniſchen und vonRechnung tragen jemals etwas Rechtes erfahren hatte?

Doch genug davon; ich wiederhole, daß ich mir ein genaueres Eingehn auf dieſe Fragen für einen Abſchnitt vorbehalte, wo ich den Leſern meine Gedanken über eine oder die andere Schrift unſeres großen Dichters mit⸗ theilen will, und wo ich mir dann auch erlauben werde, auf kleine Neben⸗ vorwürfe der frommen Seelen einzugehn, daß erdie keuſche deutſche Art