Jahrgang 
1 (1861)
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476 Blicke in Goethe's Leben und Werke.

kommen noch zwei andere hinzu, die ſich gleichfalls auf Goethe's privates und bürgerliches Leben und Sein beziehn und hier daher von mir wenigſtens erwähnt werden mögen. Wieder auf ſie zurückzukommen und genauer auf ſte einzugehn behalte ich einem anderen Abſchnitt dieſer Skizzenblätter vor. Das eine iſt alſo der Vorwurf, daß der große Dichter irreligiös geweſen oder, wie einige ſogar dreiſt genug ſagen: ein Atheiſt. Wer dies letztere behauptet, beweist damit zweierlei erſtens, daß er entweder, ohne Kennt⸗

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niß von Goethe's Schriften, nur Anderen nachſchwatzt, wie diverſe rare Beiſpiele bezeugen, oder daß er dieſe Schriften niemals verſtanden hat; zweitens, daß er niemals darüber klar wurde, was das Wort Atheiſt bedeutet. Ein Atheiſt, in der vollen und ſcharfen Bedeutung des Worts, eriſtirt nicht, und es iſt noch ſehr die Frage, ob überhaupt jemals ein ſolcher exiſtirt hat. Meines Wiſſens wenigſtens hat ſich noch nie ein denkender Menſch gefunden, der es geleugnet, daß die Erde, die Natur und die Menſchheit, daß die ganze Welt von irgend welchen leitenden und beſtimmenden Geſetzen beherrſcht werde. Mag er dieſelben ableiten, woher, und finden, worin er will; mag er ihren Complex benennen, wie er Luſt hat ſo oder ſo iſt darin, und ſei es auch nur in ſeinen armſeligſten Anfängen, der Gottesglaube enthalten.

Bis zu dem Vorwurf einer ſolchen Armſeligkeit hat man ſich nun aber gegen unſern Dichter auch wohl nicht verſteigen gewollt; man hat im Gegentheil auch bei ihm einmal wieder nur den Rationalismus oder die Gleichgültigkeit gegen theologiſche Auslegungen und Streitigkeiten mit jener Bezeichnung ſchelten wollen. Von etwas Weiterem als von einer Gleich⸗ gültigkeit, oder ſagt immerhin: von einer? Abneigung gegen theologiſche Auf⸗ faſſungen und Zänkereien, kann aber gar keine Rede ſein. Wohin wir in Goethe's Schriften ſehn, wo wir von ihm Bemerkungen, Ausſprüche auf⸗ bewahrt und angeführt finden, treffen wir überall, wohlverſtanden, wo es die Sache mit ſich bringt denn Parade machte er allerdings mit dieſen tiefſten Gefühlen und Intereſſen nicht, noch zog er ſie jemals an den Haaren herbei auf Aeußerungen, welche auf nichts weniger hindeuten, als auf die Gott⸗Loſigkeit des Dichters. Im Gegentheil, es verräth ſich darin überall ein geſunder, keuſcher Gottesglaube, und wer das nicht ſehn und leſen will, der hat eben die Augen oder den Willen nicht zum Sehen.

Die erſten ſechzig Lebensjahre Goethe's fielen in eine Zeit hinein, die, um das Ding kurz auszuſprechen, im Ganzen und Großen durchaus und