Jahrgang 
1 (1861)
Einzelbild herunterladen

.. 6

Von Edmund Hoefer. 475

Excentricität Beethovens, mit der man ſein Benehmen erklären und entſchul⸗

durch digen will, reicht, nach meiner Ueberzeugung, dazu nicht aus. Wenn die te jedes Excentricität ſo weit geht, uns gegen alles Herkommen, gegen jede Sitte ver⸗

ſtoßen zu laſſen, ſo wird ſie zur Rohheit. Es iſt richtig aber auch ſchlimm genug, daß der alte Aberglaube Dichter und Künſtler hätten eine Art von Privilegium anders zu ſein als andere Menſchenkinder noch immer in manchen Köpfen haushält. Die Ueberlegung eines Augenblicks muß uns jedoch ſagen, daß abſonderliche Kleidung, abſonderliche Manieren, abſonder⸗ liches Auftreten gar nichts mit dem zu thun haben, was den Menſchen zum Künſtler macht und ihn ſich als ſolchen erweiſen läßt. a und Man darf aber, um noch einmal auf den Vorwurf der Servilität zu⸗ d Enr⸗ rückzukommen, hierbei am wenigſten vergeſſen, wann Goethe geboren, wie bält er erzogen iſt. Durch das ganze vorige Jahrhundert geht, trotz allem, was man dagegen reden und ſagen mag, ein tiefes, unüberwindliches Gefühl der ehr be⸗ Verehrung und Anſtaunung der Fürſtlichkeit oder der Scheu vor ihr und drückte den Repräſentanten derſelben einen Stempel auf, der ſie wirklich wie eine Art anderer Weſen erſcheinen ließ. Das finden wir überall, wohin wir auch blicken, ſei es in die politiſche oder Culturgeſchichte, ſei es in die Littera⸗ tur der damaligen Zeit. Wo Ausnahmen erſcheinen, beſtätigen ſie grade das Factum durchaus, und ſo iſt auch Goethe's Verhältniß zu Karl Auguſt den Zeitgenoſſen nur etwas abſolut Unerhörtes. Es war noch kaum vorge⸗ kommen, daß ein Fürſt mit einem Bürgerlichen, oder überhaupt mit einem 65 Nicht⸗Fürſtlichen auf gleichem Fuße verkehrte und lebte, ſich von ihm, ſo zu ſagen, wie ſeines Gleichen behandeln ließ. Goethe hat jedoch, wie uns manche kleine Züge verrathen, ſelbſt in der wildeſten Zeit der erſten Wei⸗ mar'ſchen Jahre niemals im Freunde den Fürſten vergeſſen, und Lewes ſagt zu viel, wenn er annimmt, Goethe habe namentlich in den ſpäteren Le⸗ bensjahren Scheu und Schüchternheit gegen fürſtliche Perſonen bewieſen. Wir finden dieſe Schüchternheit grade ſo ſchon in den früheren und frühſten Jahren, wenn damals zuweilen auch der Jugendübermuth mit ihr für den 2, den Augenblick davon gelaufen ſein mag. Es verſteht ſich aber von ſelbſt, daß ihrend er im Verkehr mit den ſächſtſchen Herzogen freier war und blieb, da er ja agen, mit denſelben in Weimar und an ihren eigenen Höfen fort und ſort in die ißic engſte Verbindung kam. Später wurde man nur gegen ſeitig ruhiger ꝛgegen und gehaltener.

den Es iſt aber mit dieſem Vorwurf der Servilität noch nicht genug. Es

1