474 Blicke in Goethe's Leben und Werke.
und mißachtender erdacht werden kann,— daß man, in Goethe's Stellung und Lage, jedem Beſucher nun auch den liebenswürdig Dankbaren, durch⸗ den Beſuch und die Verehrung Entzückten zeigen, daß vor ſolcher Ehre jedes — ich will einmal ſagen: Privatgefühl, jedes häusliche und Familien⸗ intereſſe, jede von Geſchäften, Stellung, Geſundheit abhängige Stimmung ſchweigen und verſchwinden ſollte. Derartige Geſellen waren es, die Goethe ſeine Devotion gegen Höherſtehende zum Vorwurf machten. Hätte er dieſelbe aber gegen ſie bei ihren Beſuchen bewieſen,— das wäre ihnen willkommen geweſen und als das Natürlichſte von der Welt erſchienen.
Und nun bedenke man, wann und wo Goethe geboren, wie er erzogen war und ſeine Ausbildung erlangt hatte. Man iſt doch ſonſt ſo klug und billig, man überſieht nichts, ſucht und findet für alles Erklärung und Ent⸗ ſchuldigung! Will man denn bei Goethe allein nicht beachten— oder hält man's für gleichgültig?— daß er geboren war als Sohn ſeines ernſten, ſtrengen und kalten Vaters, in Frankfurt, der Reichsſtadt mit dem ſehr be⸗ ſonderen, eigen gearteten, feſt bewahrten— Pli ihrer Bewohner; in der Zeit der ſteifſten Bildung, der ſteifſten, wenn auch verbindlichen, Manieren, der ſteifſten Kleidung? Glaubt man, daß dies alles für ihn allein nicht dage— weſen, oder daß er dies alles hätte beſiegen ſollen? Das wäre freilich unendlich viel Ehre, aber auch unendlich viel Thorheit, denn— Goethe oder nicht Goethe, ein Menſch blieb er ſo gut wie wir Andern alle. Und wenn Eigen⸗ heiten und Schwächen auch ſichtbarer werden müſſen an einem Manne, der wie Goethe auf einer Höhe ſteht, wo er von vielen Blicken umfaßt werden kann,— deßwegen verlangen zu wollen, daß er ſie übermenſchlicherweiſe gar nicht haben ſoll, das erſcheint mir als eine Forderung, von der ich nicht weiß, ob man ſie mehr kindiſch oder mehr perfid zu nennen hat.
Hieran ſchließt ſich der Vorwurf, daß Goethe Höherſtehenden gegen⸗ über gar zu beſcheiden oder ſogar„ſervil“ geweſen. Man führt wohl als Beiſpiel jene Anekdote an, nach der Goethe, mit Beethoven auf der Promenade in Teplitz gehend, der kaiſerlichen Familie von Oeſterreich begegnete, den Hut zog und zur Seite trat, um die Herrſchaften vorüber zu laſſen, während ſein Begleiter den Hut in die Stirn drückte und, die Arme untergeſchlagen, ohne Gruß„durch den dickſten Haufen“ lief. Ich geſtehe ganz offen, daß ich hierbei in Beethoven nur den ungezogenen, rohen Geſellen, in Goethe dagegen nicht allein den hochgeſtellten, ſondern auch und zwar vor allen Dingen den gebildeten Mann erblicke, der eben thut, was ſich einmal ſchickt. Die


