Jahrgang 
3 (1860)
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464 Der Lieutenant.

in der ſchlimmſten Zeit, wenn viele Offiziere beurlaubt oder zu auswärtigem Dienſt abweſend waren, etwa alle vierzehn Tage. Die Wache hatte eben nicht viel Unangenehmes, da man in der Nacht gewöhnlich die Unteroffiziere die Ablöſungen beſorgen ließ und ſich ruhig auf's Sopha legte, wenn einmal die Hauptronde vor Mitternacht dageweſen war. Man hatte den ganzen Tag und oft die Nacht dazu Beſuch von Kameraden; es wurde getrunken, geraucht und geſpielt. In frühern Zeiten erwarben ſich Offiziere eine Zulage damit, daß ſie von andern Kameraden für Geld die Wachen übernahmen. Damals kam das jedoch nur noch ſehr ſelten und unter der Hand vor, und man gab dann nicht Geld, ſondern Wein und Tabak, um die Koſten als Wirth beſtreiten zu können.

Die Hauptronde hatte ſtets ein Hauptmann oder ein älterer Premier⸗ lieutenant, der Hauptmannsdienſt that. Dieſer nahm ſich von einer Wache eine Patrouille mit und ſtellte zwiſchen den Zapfenſtreich und Mitternacht einige Wachen, um ſich von ihrer Wachſamkeit zu überzeugen; die Viſitir⸗ ronde, welche ein Lieutenant hatte, verſah denſelben Dienſt zwiſchen Mitter⸗ nacht und Reveille. Es kam ſtets in den Morgenrapport, wann die Ronden auf den Wachen geweſen waren. Oft ſagte man auch zu dem wachthabenden Offizier am Mittag auf der Parade:Du, ich bin um zwei Uhr dageweſen. Das kam dann in den Rapport. Ich ging jedoch meine Ronden meiſt ſehr gewiſſenhaft, da mir die Nachtpromenade Spaß machte, und ich ſtellte oft, ſelbſt mitten im Winter, ſämmtliche preußiſche Wachen. Es war das eine ziemlich angreifende Promenade, und im Sommer ging bei meiner Rückkehr manchmal die Sonne bald auf. Das wird dem begreiflich ſein, der Mainz kennt und dem ich ſage, daß man von der Gauthorwache die Alzeyer Straßen⸗ wache, die Sternſchanze, die Hechtsheimerſchanze, die Weiſſenauer Lagerwache, die Neuthorwache, die am eiſernen Thor und die Thorwache in Kaſtel be⸗ ſuchte und erſt mit der Hauptwache ſeine Ronde ſchloß.

Wenn das Exerciren im Bataillon und Regiment anging, dann hatte man allerdings auf dem Mombacher Sand eine hübſche Vormittagsprome⸗ nade; allein dann hatte man den Nachmittag für ſich, und ſolch Exerciren konnte ſchon deßhalb nicht täglich ſtattfinden, da meiſt immer ein ganzes Bataillon auf Wache war, obwohl auch bei beſondern Veranlaſſungen ge⸗ miſchte Wachen gegeben wurden. Das gewöhnliche Paradeexercitium im Bataillon oder Regiment auf dem Mombacher Sand in den Hundstagen war allerdings kein Vergnügen, beſonders für einen ſchließenden Offizier,