12 Der Handkuß.
„Sie wiſſen, theurer Vater, daß unſer edler Herrſcher kränkelt, daß ſeine ſonſt ſo kühne Zuverſicht ſchwankend wird, daß er oft den Mißmuth nicht unterdrücken kann, den manche fehlgeſchlagene Hoffnung, manch! übelwollendes Verkennen ſeiner beſten, großartigen, freilich oft zu über⸗ eilten Reformen in ihm erzeugt. Der aufrichtigſte Freund der Menſchen hat ſich gerade durch das, was er für ſie thun wollte, unzählige Feinde gemacht, die im Dunkeln wühlen. Er weiß das, und aus Mißmuth iſt nach und nach Mißtrauen entſtanden. Raſche, reſolute Thatkraft iſt in bedenkliches Prüfen umgeſchlagen. Sein hoher Geiſt verfolgt zwar noch immer das herrlichſte Ziel, aber leugnen läßt ſich nicht, daß die ſechs Jahre, die ſeit dem Tode ſeiner erhabenen Mutter verfloſſen ſind, wie ſie die gewaltigſte Revolution, die jemals von einem Throne ausging, her⸗ beiführten, auch den Staat in ſeinen Fugen erſchütterte, und daß dieſe Erſchütterungen auf den Körper des Mannes zuruͤckgewirkt haben, der die Krone ſo herrlich trug. Was in ſeinem Buſen milde Menſchenliebe war und dieſe männliche Bruſt zum Altar der Freiheit und des Rechtes machte, das iſt im Widerſtreite verjährter Vorurtheile, im unvermeidlichen Kampfe des Ideales mit der Realität zur herben Strenge, mitunter zur Härte geworden, ſo daß man den erbitterten Gegner jeder Unterdruͤckung bisweilen einen Tyrannen nennen hört. Auch das iſt ihm nicht unbekannt und bleibt nicht ohne Einfluß auf ſeine Entſchließungen, die nicht mehr ſo entſchieden eintreten wie ſonſt. Dieſe kurze Andeutung glaubte ich voran⸗ ſchicken zu muſſen, um einzuleiten, was ich Ihnen zu erzählen habe. Seit der noch kurz vor Maria Thereſia's Tode angetretenen Reiſe nach Ruß⸗ land, die eben nicht die geträumten Erfolge hatte, mögen jene Ver⸗ bindungen und Pläne eine Zeitlang beſeitiget worden ſein. Neuerdings leben ſie wieder auf. Es iſt abermals von einer ſolchen weiten Fahrt zu politiſchen Weltzwecken die Rede, doch auch hier zeigt ſich ſtatt energiſchen Entſchluſſes unſicheres Schwanken. Vielleicht vertraut man denjenigen nicht unbedingt, welche an Ort und Stelle über dieſe wichtige Sache verhandeln ſollen. Vielleicht wünſcht man, daß ein zuverläſſiger, dennoch unbekannter und im diplomatiſchen Verkehre völlig unbedeutender Menſch ſich perſönlich dort umthue und Nachrichten heimbringe, die aus eigener Anſchauung hervorgegangen, in ihrer naiven Unbefangenheit mehr ſagen, als bogenlange amtliche Relationen. Kurz und gut— es iſt mir ein nicht direkter Befehl, ein nicht ausgeſprochener Auftrag, wohl aber ein


