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Von Karl von Holtei. 11
und Geſchick vernünftiger Weiſe von ſolcher Kleinigkeit abhängig?“ „Der verſäumte Handkuß, Mutter, wäre vielleicht eine Kleinigkeit. Der konſequent verweigerte, der mit Hohn und kränkenden Worten zuruͤckgewie⸗ ſene, auch dann zurückgewieſen, nachdem ich ſchwach genug war ihn zu ver⸗ langen— der iſt eine abſichtliche Beleidigung, er iſt die Loſung des Bruches zwiſchen mir und ihm. Und ich danke Gott dafür. Ich ſehe jetzt erſt ein, daß dieſer herzloſe Mann mich nie geliebt, daß nur Eigennutz und Habſucht ihn geleitet haben kann. Liebfromm beſtätiget, wie derangirt ſein Vater iſt. Wahrſcheinlich ſollte meines Vaters Reichthum manchen Ausfall decken, und ich wäre dann im beſten Falle eine annehmbare Zugabe. Nein, er hat mich nicht geliebt— und ich ihn auch nicht. Ich täuſchte mich, war ver⸗ blendet von eitlen Gedanken, den Sonderling zu reizen, der bisher für un⸗ empfindlich galt, war kindiſch genug, mich eines eingebildeten Sieges über viele Mädchen unſerer Bekanntſchaft zu freuen. Ich habe ihn nicht geliebt, ich liebe ihn nicht, wir ſind entſchieden getrennt!“
„Wenn es ſo ſteht, mein Kind, kann ich dir nur Glück wünſchen zu deinem klaren Blick, zu dieſem feſten Entſchluß.— Sollte aber in einer Falte deines Herzens wider Vermuthen noch etwas verſteckt geblieben ſein, was unerwartet dich einmal an frühere Empfindungen mahnte— dann vergiß nicht, daß ich von Anbeginn dieſer Bekanntſchaft Iſidors warme Lobrednerin war, daß ich mir keinen beſſeren Schwiegerſohn gewünſcht hätte, daß ich auch heute nicht geringer von ihm denke, all' ſeinen Diatriben gegen das Hand⸗ küſſen zum Trotze! Was er dir daruͤber geäußert, was du mir wiederholt und bei deiner gegenwärtigen Stimmung doch gewiß nicht embellirt haſt, klingt gar nicht ſo übel und hat, wie alles, was er ſpricht, Bedeutung. Vielleicht denkſt du nach einigen Wochen ruhiger über den geſtrigen Abend. Vielleicht—.“—„Niemals, liebe Mutter, niemals!“ rief Leonore mit lei⸗ denſchaftlicher Lebendigkeit;„und wenn du mir nicht wehe thun willſt, ſo be⸗ rühre dieſe Saite nicht mehr; nenne ſeinen Namen nicht, geſtatte mir des⸗ gleichen zu thun!“ Und ohne abzuwarten, was die Mutter etwa noch zu ſagen hätte, entſchlüpfte ſie.
Nicht an demſelben Morgen, wohl aber im Laufe der nächſten Tage, begab ſich ein Auftritt im Arbeitszimmer des Kaiſerlichen Hof⸗, eigentlich Reichsrathes Baron Armoni, der viel Aehnlichkeit hatte mit dem ſo eben Geſchilderten. Iſidor ſtellte ſich ein, ſeinem Vater Bericht abzuſtatten uͤber eine Privat⸗Audienz, welche der Monarch ihm gegönnt, und zugleich des väterlichen Freundes Beirath und Unterſtützung in Anſpruch zu nehmen.


