10 Der Handkuß.
wichte bringen zu laſſen. Mochté der Lärm im Hauſe noch ſo arg, mochte die Reihefolge der„unvermeidlichen“ Abfütterungen und„Aſſembléen“ noch ſo raſch ſein,— immer bewahrte ſie den ungeſtörten Frieden ihres Zufluchtsortes, den ſie ſich am abgelegenſten Ende des Flügelgebäudes nach dem kleinen Garten zu eingerichtet, welches ihr Gatte nur ſelten und außer ihrer Tochter ſonſt niemand betreten durfte. Dort empfing ſie keine Beſuche; dort hielt ſie ſich den Zerſtreuungen der Außenwelt unzugänglich; dort lebte ſie nur ſich, den Erinnerungen an ihre glückliche glanzloſe Ju⸗ gend, den Hoffnungen auf ihre Tochter,— wohl auch manchen Befürchtun⸗ gen für deren Zukunft.
Was an Leonoren Eitelkeit, Uebermuth, Vergnügungsſucht, Hang zu Nichtigem genannt werden mußte, das hatte ſie vom Vater, der Oſtentation und Ueberhebung faſt eben ſo liebte wie ſein Geſchäft. Was edel, klug, ſitt⸗ ſam, rein und redlich in ihr war, das hatte ſie von der Mutter. Leonore überſah den Vater, tändelte mit ihm, lockte ihm durch Liebkoſungen die Be⸗ friedigung jeder kindiſcher Laune ab,— doch zollte ſie ihm nur denjenigen Grad von Achtung, den ein gutes Kind ſeinem Vater auch dann nicht verſagt, wenn es die Schwächen deſſelben durchſchaut. Ihre Mutter liebte ſte mit jenem Gemiſch von heiliger Scheu und unterwürfiger Hingebung, welches Furcht genannt werden könnte, löſete nicht unbedingtes Vertrauen ſeine Bande. Der Mutter öffnete ſie willig ihr Herz, und mochte ſie nun ſchon manche Thorheit zu geſtehen haben, die ihr ernſten Tadel zuzog, immer wie⸗ der gewann ſie zärtliche Verzeihung, tröſtlichen Rath, mütterliche Theil⸗ nahme durch ihre Offenheit.
Am Morgen nach dem vorerwähnten Balle gab es denn viel zu be⸗ richten und zu erwägen. Zum erſtenmale jedoch zeigte Leonore ſich unbeugſam gegen Belehrungen und Ermahnungen der Mutter, wies die Anſpielungen auf eine doch mögliche Verſöhnung mit Iſidor trotzig zurück, vermaß ſich hoch und theuer, daß ſie ſich nimmermehr mit einem ſo hochmüthigen, unnach⸗ giebigen Menſchen, der ſie unwurdig behandelt habe, verſöhnen könne und wolle; daß jede Spur tieferer Empfindung, die ſte ſonſt wohl für ihn gehegt, die ſie der Mutter auch nicht verſchwiegen habe, völlig vertilgt ſei; daß ſie 11 ihn haſſen würde, wenn ein ſo herzloſer Egoiſt überhaupt noch verdiene gehaßt zu werden, und ſich nicht mit Gleichgiltigkeit auch abfinden laſſe.
„Dies alles um eines verſäumten Handkuſſes willen!“ ſagte kopf⸗ ſchüttelnd Madame Enoch;„ei, mein gutes Kind, wer macht ſein Lebensglück
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