Von Karl von Holtei. 7
Die Umſtehenden blickten voll Verwunderung auf die befremdende Scene. Leonore blieb nur einen Moment unſchlüſſig. Mit erſtaunlicher Geſchicklichkeit wußte ſie Arm und Hand ſo zu wenden, daß letztere nicht mehr dem trotzigen Offizier, ſondern dem ſchon lauernden Reichshofraths⸗ Agenten dargeboten ſchien. Wie die Tigerkatze auf eine zarte Beute warf Herr von Liebfromm ſich auf die Hand. Man konnte den Kuß hören, den er darauf preßte.— Als wenige Minuten nachher neue Gruppen ſich da und dort bildeten, ziſchelte man ſich zu:„Kein Zweifel mehr, Liebfromm erobert das güldene Vließ; der Hauptman läßt zum Rückzug blaſen.“
Unterdeſſen manövrirte der junge, unbeugſame Stratege keineswegs gleich Einem, der ſeine Retirade decken und ſich, wie es in Geſſellſchaften heißt,„drücken“ will, ſondern er zeigte die entſchiedenſte Abſicht, den Feind zu umgehen, ihn feſt zu halten, ihn zum Treffen zu zwingen,— was für einen Anführer ohne Truppen viel Schwieriges hat, beſonders wenn der Feind auszuweichen beſtrebt iſt. Conſtantin empfand nicht die geringſte Luſt dem Offiziere Rede zu ſtehen, deſſen unheilverkündende Geſichtsbläſſe ihn durch alle Räume des großen Enoch'ſchen Feſtes ſcheuchte und verfolgte, wie ein drohendes Himmelszeichen. Es wurde eine förmliche Jagd; kaum entſchlüpft, fand Herr von Liebfromm ſich ſchon wieder den Weg verrannt. Endlich war er in einem Winkel„geſtellt“; ausweichen ließ ſich nicht mehr; es blieb nur noch übrig, allen Muth vorzuweiſen, der etwa in ihm verborgen lag. Denn ganz muthlos iſt kein Menſch, auch der Feigſte nicht. Zorn, Eitelkeit, Schmerz, Neid, Verzweiflung,— bisweilen die Furcht ſelbſt,— wecken das ſchlummernde verſteckte Feuer und können wohl gar Helden erzeugen, die nach vollbrachten Thaten über ſich ſelbſt erſtaunen. Conſtantin raffte ſich zuſammen, und fragte keck:„Was beliebt, Baron?“—„Einen unwür⸗ digen Ritter zu zuchtigen, beliebt mir, einem Ritter, der zu ſchlecht fur einen Troßbuben wäre, ſeine Naſenweisheit zu vertreiben, indem ich ihm die Naſe aus der unangenehm lächelnden Viſage heraushaue. Ich laſſe Ihnen die Wahl, ob Sie ſich morgen mit mir ſchlagen wollen, oder ob ich—“
Iſidor wurde perhindert weiter zu drohen, Leonore ſtand zwiſchen ihnen.„Ich habe geſehen, was vorging; ich bin Ihnen gefolgt, unter jeder Bedingung ein Duell zu verhindern, als deſſen Urſache ich genannt werden würde. Sie Beide müſſen einſehen, daß ich ſo etwas nicht dulden kann. Sie Beide müſſen, wollen Sie mich nicht unverſöhnlich beleidigen, mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie ſich nicht ſchlagen werden.“*—„Ihnen darf ich


