Der Handkuß.
Leonore mochte erwarten, daß Iſidor ſie durch irgend einen Vorwurf, einen Tadel ihres koketten Benehmens, ihrer eitlen Prätenſtonen veranlaſſen werde, in ein herzliches, leiſe geflüſtertes Wort zuſammenzufaſſen, was all' ſeine Rügen in nichts auflöſen und ihm neue Zuverſicht geben ſollte. Doch er war zu tief verſtimmt, um ſolches Wort zu provociren, und ſie hätte es, ohne Anregung von ſeiner Seite, nicht ausgeſprochen, wäre ihr Leben davon abhängig geweſen. So drehten ſie ſich ſchweigend um und mit einander herum, ernſten Angeſichtes, wie wenn es eine ihnen auferlegte ſchwere Buße gälte, die es denn genau betrachtet auch wirklich ſein mochte. Zwei Liebende, die ſich berechtigt glauben, einander zu zürnen, an einander zu zweifeln, und doch genöthigt ſind, vor hundert aufmerkſamen Zeugen ſich zu umſchlingen, Aug' in Auge, Wang' an Wange auszuhalten— ſind ſie nicht faſt ebenſo ſchlimm daran, wie ein paar Galeerenſklaven, die ſich haſſen und die ein grauſames Geſchick an eine Kette ſchmiedete? Schlimmer noch! Denn dieſe dürfen ſich Luft machen, während jene der Konvenienz huldigen und ſich verſtellen müſſen. Nur daß die Feſſel, welche der Walzer ſchlang, fruͤher abgeſtreift wird.
Iſtdor geleitete Leonore bis an die Niederlaſſung im angrenzenden Saale, wo er ſie aus einem Kreiſe ſogenannter Freundinnen vor zehn Minuten abgeholt, und bewegte ſchon ſeine Lippen, ſie leiſe anzureden. Da ſah er den unvermeidlichen Ritter von Liebfromm neben ihrem leergebliebe⸗ nen Stuhle ſtehend, auf ſie harrend— und verſtummte. Sie reichte ihm — ein eclatanteres Zeichen von Begünſtigung meinte ihr hochmüthiges Selbſtgefühl nicht darbieten zu können— die Hand zum Kuſſe hin. Wenig⸗ ſtens müſſen wir die Bewegung ihres wunderbar edel geformten Armes ſo deuten, denn die burſchikoſen Handſchüttler oder Schüttelhände britiſchen Urſprungs waren dazumal bei deutſchen Jungfrauen noch nicht gang und gebe. Iſidor jedoch faßte dieſe Deutung nicht auf. Er zog ſich nach pflicht⸗ ſchuldiger Verbeugung gerade emporgerichtet zurück, wie wenn er keine Ahnung davon hätte, daß heiße Lippen ſich auf weißen Händen gut aus⸗ nehmen. Leonore hatte nämlich, was wohl beſondere Erwähnung verdient, auf dem Gange aus dem Tanz⸗ in den Abkühlungsſaal eine ihrer Hände — und ob dieſe weiß waren!— von der duftig-geſchmeidigen feinen Leder⸗ hülle befreit. Aber wäre dieſe Hand ein gebratenes Täubchen und der Hauptmann ein rechtgläubiger Ruſſe in ſtrenger Faſtenzeit geweſen, dieſer würde ſich vielleicht eher entſchloſſen haben, ſeinen Mund damit in Berüh⸗ rung zu bringen, als jener.
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