Jahrgang 
3 (1860)
Einzelbild herunterladen

Von Karl von Holtei.

A

nicht berechtiget, des falſchen Menſchen verborgenſte Gedanken zu verrathen; wir haben abzuwarten, bis ſie in Thaten übergingen.

Der Abend, mit welchem unſere Erzählung beginnt, ſchien auserſehen, das Verhältniß Iſtdors zu Leonoren auf's höchſte zu ſpannen und es ent⸗ weder zum biegen oder zum brechen zu bringen. Niemals noch hatte ſich die bewunderte Tochter des Hauſes anſpruchsvoller und herausfordernder, niemals hatte ſich Hauptmann Armoni zuruckhaltender, man könnte ſagen, unbeugſamer gezeigt; niemals noch hatte ſich Herr von Liebfromm jedem Winke gehorſamer, jedem gnädigen Lächeln dankbarer, von beſcheidenſten Hoffnungen mehr beſeligt erwieſen. Während er ſich um Leonore drehte, wie ein Planet um ſeine Sonne, ſtand der Andere zur Seite, nur ſelten einen Blick hinüber ſchießend auf das ungleiche, dennoch ſo vertraulich ver⸗ kehrende Paar. Hätte Iſidor nicht ſchon einige Tage früͤher den dritten Walzer dieſes Balles für ſich erbeten gehabt, er würde wahrſcheinlich, gar nicht tanzend, in ſeinem Schmollwinkel verblieben ſein; denn Leonorens wo nicht Eiferſucht, doch verletzte Eitelkeit dadurch zu erregen, daß er ſich Tänzerinnen zuwendete, die ihm von Herzen gleichgültig waren, und für dieſe ein verſtelltes Intereſſe zur Schau zu tragen, ein ſolches Hülfs⸗ mittel deſſen Wirkſamkeit praktiſche Kenner des weiblichen Herzens wohl zu rühmen wiſſen hielt er ſeiner edleren Gefühle für unwerth.

Wie nun die Reihe der Tanzordnung den dritten Walzer brachte, begab er ſich feſten Schrittes in Leonorens Nähe und mahnte ſie mit ge⸗ meſſener Verbeugung an ihr Verſprechen. Die wenigen Worte klangen ſo männlich und wohltönend zwiſchen Liebfromms weichliches Geſchwätz, daß alle Umſtehenden dieſer angenehmen Stimme lauſchten, ob ſie noch weiter ſprechen würde. Aber das geſchah nicht. Schweigend führte der Liebende ſeine Tänzerin zum langſamen Walzer, den wir ſeit zwei Generationen faſt vergeſſen haben. Es war ein feierlicher Tanz, gewiſſermaßen das Symbol reiflich bedachter, auf gegenſeitige Hochachtung gegründeter Verbindung, wenn der vorangegangene Menuet für eine Allegorie des ſich Aufſuchens, Ausweichens, ſich wieder Annäherns gelten durfte. Doch gaben beide in ihrer pedantiſchen Würde vielfältige Gelegenheit, ſich als gute Tänzer aus⸗ zuzeichnen, oder die Reize weiblicher Anmuth zu entfalten. Graziöſer, an⸗ gemeſſener für ſittſame Mädchen, minder nachtheilig für die Geſundheit waren ſie jedenfalls, als das jetzige Wett⸗Wirbel⸗Drehen auf der Rennbahn

der Lungenſchwindſuchten.