Der Handkuß.
lag jedoch vor ihr ſelbſt tief⸗huldigend im Staube, ſchmeichelte ihren Launen, machte ſich zum unterwurfigſten Sklaven.— Der Andere, an deſſen Hüfte ein Säbel klirrte, hielt ſich in ehrerbietiger Ferne, zog ſich neben andern Bewunderern faſt ſchüchtern zurück, bewahrte jedoch bei dem bisweilen hoch⸗ fahrenden Weſen der Geliebten ſeine männliche Würde; gab ihren An⸗ ſprüchen, wofern dieſelben ihm launenhaft oder unpaſſend dünkten, durchaus nicht nach und ertrug ſtandhaft, daß ſie wochenlang mit ihm ſchmollte, wie das verzogenen Kindern wohl eigen iſt. Es konnte folglich kaum ausbleiben, daß nach und nach in der Mei⸗ nung des ſogenannten Publikums,— welches allerdings wieder in eine unüberſehbare Menge kleiner Unterabtheilungen zerfällt, mit ebenſo vielen Schattirungen jener fälſchlich benamſeten„öffentlichen Meinung,“— daß in dieſer nach und nach Conſtantin als der Begünſtigte, Iſidor als der Ver⸗ ſchmähte bezeichnet ward. Die Welt urtheilt ja immer nach dem Scheine, und wie möchte ſie anders! Ihr ſind ihre Irrthuüͤmer nicht übel zu nehmen. Daß aber die beiden Perſonen, denen dieſer Irrthum galt, ihn theilen, ihm in düſtern Stunden wenigſtens Gewalt einräumen mochten; daß Iſidor ſich häufig ſagte:„nein, Leonore fühlt nichts für mich, ſonſt könnte ſie nicht verlangen, ich ſolle mich ſo tief herabſetzen, mit einem Herrn von Liebfromm zu rivaliſiren!“— daß Leonore ſich häufig ſagte:„nein, Iſidor liebt mich nicht, ſonſt könnte er nicht ſo ſchroff, ſo unnachgiebig bleiben!“— daß dieſer Irrthum möglich wurde, beweiſet eigentlich nur, wie tief Beiden die Liebe innewohnte, wie ernſthaft ihre gegenſeitigen Anforderungen gemeint waren. Nur deßhalb vermochten ſie ſich zu täuſchen, einander zu verkennen. Conſtantin dagegen täuſchte ſich gar nicht; der ſah wohl, daß er für's Erſte nur als Strohmann gebraucht worden, welchen Leonore vorſchob, um hinter ihm wie hinter einem Schilde zu grollen. Doch dieſe Einſicht hielt ihn niemals ab, ſich vorſchieben zu laſſen, ſich ſtets bereit zu finden, wo und wie er gebraucht wurde.„Bei ſolchen Gelegenheiten,“ meinte er,„komm ich ich ihr doch jedesmal näher, und ehe ſie ſich's verſieht, wird ſie entdecken, daß der vermeintliche Strohmann auch Fleiſch und Blut beſitzt. Dann wird es, ihn abzuſchütteln, nicht mehr an der Zeit, und der ſtolze Nebenbuhler wird— wer weiß wo— ſein! Er ſelbſt iſt noch nicht recht im Klaren, was er will und ſoll. Das macht ihn unſicher. Ich bin daruͤber klar, daß ich Leonorens Gatte, daß ich Enochs Schwiegerſohn, daß ich ſein Erbe werden will. Ich werd' es durchſetzen und müßt' ich—.“— Wir ſind


