Jahrgang 
3 (1860)
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2 Der Handkuß.

ihren Grüften ſteigen und Zuſchauer werden, entſetzen müßte. Sie hätten nie für möglich erachtet, daß, gebildete junge Herren einſt wagen wuͤrden, in Stiefeln umherzuſtampfen, welche mit hohen Abſätzen den parkettirten Boden dröhnen machen und ſichtbare Spuren der Gewalt hinterlaſſen. Und ehe ein wohlerzogenes Mädchen den jetzt üblichen Wendungen, Berührungen, Umſchlingungen überantwortet worden wäre, hätten es die Eltern hinter Schloß und Riegel verwahrt. Aber damals wie jetzt war der Tanz Erwecker, Beförderer, Vermittler zärtlicher Neigungen, und mancher Jüngling, manche von ſtrenger Aufſicht umgebene erblühende Jungfrau, manche leichtſinnige, eroberungsſüchtige Schöne ſehnten ſich nach dem Abend, wo mitten im Gewühle der großen Welt ein Blick, ein Wink, ein verſtohlenes Zeichen ſagen durften, was der Mund nicht zu ſprechen wagte.

. In dieſem Punkte ähneln ſich alle Zeiten, alle Jahrhunderte, mögen Trachten, Bräuche, Sitten und Unſitten ſich noch ſo unähnlich ſein. Auch der Ball beim Großhändler Enoch machte keine Ausnahme in öffentlichen und heimlichen Liebesangelegenheiten, von denen letztere, wie ſorgſam deren Träger und Pfleger ſich immer verſtecken, bisweilen öffentlicher behandelt, umſtändlicher beſprochen und durchgehechelt werden, als die offen zur Schau getragenen.

So wußte Alt und Jung in der großen, wunderlich gemiſchten Geſell⸗ ſchaft, welche durch Herrn Enochs Prachtgemächer wogte, daß die Tochter des Hauſes, umgeben von Anbetern jedes Alters und Ranges, wie alle reichen und ſchönen Erbinnen, aus ſämmtlichen nicht viel zu machen und deren nur zwei auszuzeichnen ſchien, zwiſchen denen ihre Wahl vielleicht noch ſchwankte. Der Eine gehörte zu den beim kaiſerlichen Reichshofrath ange⸗ ſtelltenordentlichen Agenten, was ſo viel ſagen will als Anwalt, beeidig⸗ ter Rechtsfreund bei dieſem höchſtpreislichen Körper und bei der Reichs⸗ kanzlei. Er war ein junger, überaus hübſcher, faſt gar zu zierlicher Mann, welcher die für eine künftige Gattin dreifach wohlklingenden Namen Con⸗ ſtantin Ritter von Liebfromm trug. Der Andere, ein ebenfalls junger Hauptmann vom und von Genie, Iſidor Baron Armoni, einziger Sohn des höchſt einflußreichen, bei der Regierung wohl accreditirten, allgemein ver⸗ ehrten Reichshofrathes, den wir, da hier der ſeltene Fall eintritt, daß die Beſitzer des hohen Collegiums ganz den nämlichen Titel fuͤhren, der dem Collegio ſelbſt zugelegt wird, um Verwechslungen und Undeutlichkeiten zu vermeiden, uns erlauben wollen bisweilen kurzwegHofrath zu nennen.