Der Handkuß.
Erzählung von
Karl von Holtei.
Großhändler Enoch gab einen glänzenden Ball, den letzten vor Eintritt der Faſtenzeit. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde noch getanzt, das heißt: man legte noch Werth auf anmuthige Haltung, edle Geberden, ſittſames Benehmen, und ſuchte die Freude an dieſer geſelligen Beluſtigung vielleicht mehr in einem eitlen zur Schau tragen ſeines für dergleichen Uebungen ausgebildeten Geſchickes, als in der Bewe⸗ gung ſelbſt, welche allerdings auf graziöſe, ſtreng zu beobachtende, abge⸗ meſſene Formen beſchränkt blieb. Jedenfalls gewährte der Anblick ſolches Tanzfeſtes zu jener Zeit, und auch noch im erſten Zehntheil unſeres neun⸗ zehnten Säkulums, ungleich größere Befriedigung als die heutzutage einge⸗ riſſene wildſtürmende, jedem guten Geſchmacke, nicht ſelten jeder Wohl⸗ anſtändigkeit entfremdete Raſerei, die aus einem Ballſaale den Schauplatz rückſichtsloſen Taumels macht, und die unſere Vorfahren, könnten ſie aus
* Unangenehme Erfahrungen beſtimmen den Verfaſſer, hier ausdrücklich zu bemerken, was ſich für den wohlwollenden Leſer eigentlich von ſelbſt verſteht, daß die in dieſer Geſchichte genannten Namen willkürlich erfundene und ohne irgend einen Zuſammenhang mit der wirklichen Begebenheit ſind. Der Erzähler, der ſich gezwungen ſieht, ſeinen Menſchen Namen zu geben, weil ohne ſolche Bezeich⸗ nung es unmöglich werden würde, deutlich und verſtändlich zu bleiben, verſtößt oft wider Willen bei Familien, welche darin eine Abſicht erblicken, die ihm fern lag. Ich proteſtire gegen jede ähnliche Deutung. Iſt man doch kaum im Stande, Namen zu erſinnen, denen man nicht hier oder dort ſpäter im gewöhnlichen Leben begegnete. Und das läßt ſich nun einmal bei größter Vorſicht durchaus nicht vermeiden.
Hausblätter. 1860. III. Bd. 1


