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Von Friedrich Lampert. 477
getreten, deſſen Bäume nun die ſchönſte Chorwand bilden. Hart am Stamme der höchſten Tannen liegen ein paar Grabſteine, die Schrift iſt verwittert, aber die Schläfer müſſen gut ruhen in dieſem Waldesfrieden.
Dieſer tiefe, ſtille Friede iſt es, der dieſer Ruine den eigenthümlichen Reiz, den wunderſamen Eindruck gibt, deſſen man ſich nicht erwehren kann. Es braucht nicht viel, daß man ſich in Träumerei verſenkt— die hohen Hallen fügen ſich neu zuſammen, die Kuppel wölbt ſich über dem Chor empor; durch die buntgemalten Fenſter fällt ein ſüßes Dämmerlicht; fromme Bilder ſchauen von den Altären nieder; die Mönche treten dort aus dem Kreuzgang in die Kirche ein; die Orgel braust, der Geſang ſchwillt durch die weiten Räume.— Da miſcht ſich in dieſen ein anderer Laut— der Donner grollt durch das Thal, der Wald bebt im Ungewitter, ein Blitz
zuckt nieder, und die Kirche, das Kloſter ſtehen in Flammen; zur Hälfte liegen ſte in Aſche, aber noch iſt der gerettete Theil bedeutend genug. Da fällt der Hammer des Auktionators auf die herrlichen Steine, und was der Blitz, das Feuer übrig gelaſſen, das wird auf Abbruch verſteigert.*— Und nun ſind nur noch dieſe wenigen und doch ſo großartigen Reſte vor⸗ 4 1 handen, und in ihnen iſt's nun vollends dunkel geworden, ſtille, einſam, 4 nur der Bach, der hart neben der Kirche hinfließt, rauſcht ein leiſes Schlum⸗ merlied, und gerade über den Leichenſteinen im hohen Chor iſt die bleiche Mondſichel heraufgezogen.
Da, um uns recht aus aller Poeſte herauszureißen— tönen Stimmen neben uns, und zwar ächte, rechte Touriſten⸗Stimmen:„ſind hier die Klo⸗ ſterruinen?“ Hinter der Säule dort rauſchen zwei Damen hervor, ſchauen ſich mit den üblichen Bewunderungsinterjektionen um und alles flüchtig an und verſchwinden dann wieder ſchleunig, wie ſie gekommen. Ihr Wagen wartet weiter unten; ſie haben heute ſchon viel, ſehr viel„mitgenommen“: Baden, altes Schloß Baden, Schloß Eberſtein, Achern und nun auch noch Allerheiligen, und dann noch nach dem zwei Stunden entfernten Oppenau zurück! Was man nicht alles in Einem Tag, mit guten Pferden, Eiſen⸗
6 bahnen und guten Nerven„abmachen“ kann! Und wie gruͤndlich hat man dann alles geſehen, welchen ausgiebigen Reiſegenuß gehabt!
Laſſen wir ſie ziehen, dieſe Prachteremplare der modernen Reiſeblumen⸗
* Allerheiligen, 1196 gegründet, 1802 ſäkulariſirt, 1803 durch den Blitz halb zerſtört, 1811 auf Abbruch verſteigert.


