476 Allerheiligen.
ihm unerkannt eine unſrer erſten Sängerinnen in ſeinem Hauſe geweſen, tief bedauernd zu mir ſagte:„die hätte ich bitten ſollen zu ſingen!“— und als ich die Erhörung dieſer Bitte bezweifelte, dabei blieb:„wenn ich gebeten hätte, mir zu Gefallen hätte ſie es ſicher gethan.“ Vor allem aber iſt er ein patriotiſcher, ächt deutſcher Mann. Glaubt ihr es oder nicht— mir i*ſt's von mehr als einer Seite verbürgt worden— er hat im ganzen Jahre 1859, ſeitdem Napoleon gegen Oeſterreich ſtand, keinem Franzoſen einen Biſſen Brod, ein Glas Wein gegeben; alle hat er abgewieſen, und ich ſelbſt war Zeuge, wie eine Geſellſchaft Straßburger Jünglinge, die ſich aller⸗ dings nicht ſehr einladend vorſtellten, eine ſolche donnernde Philippica von ihm zu hören bekamen, daß ſie es für gerathen hielten, ſich alsbald„ſeit⸗ wärts in die Büſche“ und über den Berg hinüber in ein anderes Wirths⸗ haus zu ſchlagen, wo man etwas mehr kosmopolitiſch geſinnt und etwas mehr auf den Wirthſchaftsgewinn bedacht ſein mochte.
Die Dämmerung ruͤckt vor; es iſt die rechte Zeit, in die Kirchenruinen zu treten— der volle Glanz des Tages paßt nicht ſo für ſolche Trummer⸗ ſtätten, wie jene wunderbare Mittelzeit zwiſchen Tag und Abend, in der man noch Licht genug hat, das Einzelne zu erkennen, und das Ganze doch ſchon von dem Zauber, den das Dunkel mit ſich bringt, überkommen iſt. In die Kirchenruinen, ſagte ich; denn die des Kloſters ſind nicht ſo nahe bei einander liegend, ſie zerſtreuen ſich vielmehr ziemlich weit herum, auch ſind die Wirthſchaftsgebäude des Forſthauſes zum Theil in ſie hineingebaut — die alten, ſchön gehauenen Geländer des Kloſtergartens ſind wieder zu Gartenmauern geworden. Die Ruinen der Kirche aber bilden einen Raum für ſich, und wahrlich iſt derſelbe groß, und ſind die Truͤmmer, die noch vor uns ſtehen, bedeutend genug, um uns von der Herrlichkeit und Großartig⸗ keit einen Begriff zu geben, die einſt hier in Stein geſtaltet war.
Dreiſchiffig war die Kirche; noch ſtehen die Rundbogen des Mittel⸗ ſchiffes; ſchlank und hoch ſtreben die Säulen aufwärts. Die Seitenſchiffe ſind zerbrochen, nur einzelne Säulenſtrunke ragen noch über dem Boden empor; auch die Umfaſſungsmauern ſind nur zum Theil noch erhalten, aber prächtige Fenſter ſchauen noch von einer derſelben nieder. Eine Wendel⸗ treppe ſteigt zu dem Reſt des einzigen noch uͤbrigen halben Thurms hinan. Auch eine Seitenkapelle iſt geblieben; ſie läßt die Schönheit errathen, in der das Chor geprangt haben muß. Von dieſem letzteren ſpannt ſich nur noch ein Bogen in die Luft, an die Stelle des andern iſt der friſche, hohe Wald


