Jahrgang 
2 (1860)
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Von Friedrich Lampert. 475

gutmüthige Geſicht, das der dichte graue Bart umrahmt; es iſt eins von

denen, die wir in einen Rahmen hineinwünſchen, um dann vor ihm wohl⸗

gefällig ſtehen bleiben, um ſagen zu können:Das iſt Friſche, Leben, Ori⸗

ginalität! Ja, ein Original iſt er auch, der Förſter Mittermaier von

5 Allerheiligen, der raſch vertraut gewordene und liebgewonnene Gaſt⸗ und

Hausherr aller, die ſeiner gaſtlichen Pforte nahen. Er rechnet ſich's zur

Freude, dich bei ſich aufzunehmen, dir alles zu bieten, was ſein Haus ver⸗

mag. Seine Stentorſtimme ſchallt ins Haus und meldet deine Ankunft;

das Töchterlein fliegt herbei, dir dein Zimmer anzuweiſen. Auch dieſer

Tochter und der Hausfrau rühriges, geſchäftiges und doch ſo beſcheidenes

Weſen läßt dich den guten Geiſt errathen, der in dieſem Hauſe herrſcht.

1 Dir wird's wohl, mit jeder Minute faſt fühlſt du es mehr, vergnügt und

zufrieden trittſt du wieder heraus unter die alten Linden, und nun:guten Abend in Allerheiligen!

Die ganze erquickende, alle Müdigkeit ſcheuchende Abendkühle iſt über

dem ſchmalen Thal ergoſſen; durch das dichte Lindendach ſtiehlt ſich ein

lichter Sonnenſtrahl auf den Tiſch herab, an dem der alte Förſter mit ſeinen

Gäſten ſitzt, und ſpielt in dem purpurrothen köſtlichenZeller, bei dem

ſich's ſo gut plaudern und die Schnurren und Geſchichten, die körnigen,

launigen Einfälle des Wirthes ſo gut anhören läßt. Denn an denen iſt der

Förſter uͤberreich; man muß ſich gewöhnen an ſeine Redeweiſe, in die oft

mehr als ein derber Fluch ſich miſcht, allein man fühlt, daß dieſer Mann ſich

gibt, wie er iſt, daß er ſich immer gleich bleibend, einem wie dem andern

gegenübertritt, daß er das Herz auf dem rechten Flecke hat und niemals

etwas dulden würde, was gegen Recht und Ehre wäre. Er ſelber kommt

ſelten weit uͤber ſein enges Forſtgebiet hinaus, aber dafür verkehrt er täglich

daheim mit aller Welt, und die hat ihm zwar nichts von ſeinem ſelbſteignen

Weſen geraubt, ihm aber einen richtigen Blick für die mancherlei Leute

gegeben, die ihm unter die Augen kommen. Er kann mit jedem reden, wie

ſich's gebührt; er hat dem Erzbiſchof von Freiburg, als der ihm ſagte:

64Aber Herr Förſter, ich habe ja gehört, daß Sie ſo gar entſetzlich fluchen

ſollen, geantwortet:Kreuzdonnerwetter, Eminenz, wer das geſagt

hat, hat gelogen! Er ſpricht mit Stolz davon, daß der Prinz von Preußen

ihm die Hand gereicht mit den Worten:Geben Sie mir auch Ihre Hand,

wackerer Mann! Er hat eine ſo feſte Ueberzeugung von dem gewinnenden

Eindruck, den er auf alles macht, daß er, als ich ihm erzählte, jüngſt ſei von