Jahrgang 
2 (1860)
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474 Allerheiligen.

oder findeſt du ein Plätzchen, wo es ebenſo ſtill und friedlich iſt, wie hier im Walde, oder am Ende noch ſtiller, traulicher und heimiſcher? Entſcheide, ſiehe ſelbſt!

Du ſtehſt am Waldesrand. Dort unten, zu deinen Füßen gerade dorthin ſenkt ſich dein Pfad hinab liegt Allerheiligen. Du ſtehſt ver⸗ wundert, wie von Zauber gebannt ſtill. Es iſt ſo ganz anders, als du dir es gedacht. In ein enges, dunkles Waldthal ſchauſt du hinab; eine Viertel⸗ ſtunde hinauf und hinab, weiter iſt's nicht; Waldesdunkel hohe, ſchlanke Tannen, nur wenige mächtige Eichen dazwiſchen beſäumt es allenthalben. Am Rande dir gegenüber ſteigen hohe, dicht belaubte Bergwände auf, und auf dem grünen Wieſenboden des Thales, faſt ſeine ganze Breite ausfüllend, ſtehen nun die großartigen Trummer vor dir, die Allerheiligen heißen, die herrlichen Truͤmmer der alten Prämonſtratenſerabtei, die aus ihrer verfalle⸗ nen Schönheit ſchließen laſſen, welch einen Blick man von hier oben gehabt haben muß, als es noch im vollen Glanze, in ungeſtörter Pracht da unten ſtand, das große Kloſter und die hohe, prächtige Kirche, und durch die dunklen Tannen daneben und darüber, die noch dieſelben wie vordem ſind, allmorgend⸗ und abendlich der helle Laut der Kloſterglocken hindrang, der nun längſt verſtummt und dem friſchen, allen Wechſel menſchlicher Pracht und Kunſt überdauernden Geſang der Waldvögel gewichen iſt.

Kein Laut dringt herauf zu dir; es iſt Sonntag⸗Abend, und ſabbatlich ſtill liegt es auf dem Thal, dem Walde und den ſchweigenden, mächtigen Kirchenruinen drunten, und auf dem Hauſe neben ihnen. Denn auch ein Haus, ein wirkliches, wohnliches, nicht von dem Verfall neben ihm ange⸗ ſtecktes Haus ſchaut freundlich, einladend herauf. Erſchrick nicht vor ihm, als ſollte nun die Poeſte des erſten Eindrucks geſtört werden, als würden dich nun die dich herabſteigen ſehenden, ſchon auf dich lauernden Kellner des Hotels de l'Abbaye des Tous les saints aus allen deinen Träumen reißen gehe getroſt vollends hinab und auf das freundliche Haus zu. Es trägt, ſchon von weitem dich beruhigend, keinen Wirthsſchild, ſondern die Embleme des edlen Waidwerks zieren ſeinen Eingang. Es iſt ein Förſterhaus, ſo eins, wie es in Waldbeſchreibungen und Waldgeſchichten paßt.

Unter der breitgeäſteten Linde vor der Thuͤre erhebt ſich eine gedrun⸗ gene, kräftige Männergeſtalt; du mußt einſchlagen in die ſonnenverbrannte feſte Hand, die dir ſo treuherzig zum Willkommgruß dargeboten wird. Schau dir dieſen Kopf recht an, dieſes wetterharte, energiſche und doch ſo