Jahrgang 
2 (1860)
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470 Von Bologna nach Florenz.

und dann den Schlaf nimmer gefunden. Das ſollte ſich aber in längerer Unterhaltung näher aufhellen. Seien es die ſchwarzen Schickſale, welche ſeit zwölf Jahren über tauſende von italieniſchen Familien wie ein zermal⸗ mender Stein gingen, ſeien es meine vorgerückteren Jahre, es iſt mir auf dieſer Reiſe von mancher Begleiterin ein ſchweres Stüͤck aus der Geſchichte ihrer Familie mitgetheilt worden, und das unheimliche raſche Schrunzeln mancher jugendlichen Stirne flößte mir dann ſchmerzliche Theilnahme ein. Meine Begleiterin lag vor wenigen Jahren krank bei Verwandten in einer entfernten Stadt, ihre Eltern waren im lombardo⸗venetianiſchen Königreich. Das eigene Leiden flößte ihr ſchwere Beſorgniſſe um die Ihrigen ein; der Briefträger kommt eines Tages wohl zur Tante, aber dieſe redet nichts von einem erhaltenen Briefe, wohl aber ſucht ſie die rothen Augen zu verbergen. Umſonſt bittet die junge Kranke um Mittheilung, von der Angſt gepeinigt ſteht ſte vom Krankenlager auf und erklärt ihren Entſchluß, zu ihren Eltern zu reiſen. Die Tante ſchickt zu dem Arzte, damit er ſein Verbot ausſpreche; in der Noth geht ſte ſelbſt fort ihn zu ſuchen. Dieſen Moment benützt die Kranke, um abzureiſen. Sie fährt 24 Stunden und langt im elterlichen Hauſe an. Wo iſt die Mutter? Sie iſt bei Freundinnen. Wo iſt der Vater? Geſtern wurde er begraben. Er war in einer angeſehenen Stel⸗ lung, ſeinem Amte getreu, außer daß er die Pflicht gegen Italien über alles Andere geſtellt hatte. Die Behörde hatte ihm Anzeige gemacht, daß er wegen Hochverraths verhaftet werden wuͤrde. Die Waffen waren nicht mehr aus dem Hauſe zu bringen. Wie ſo mancher Senator der römiſchen Kaiſerzeit, nahm er ſich das Leben, um der Familie die Leiden ſeiner langen Gefangenſchaft zu erſparen. Es ſcheint, man habe ihm dazu Zeit laſſen wollen. In allen dieſen Fällen ſchließt die Erzählung: und andern Tags gingen die Söhne, die Bruder in die Emigration. Das ſind ganz die alten italieniſchenBanditi, nur heißt ihr Führer jetzt nicht Graf Ruggiero, ſondern Garibaldi ſchlechtweg. Daß die Tochter, welche ſehr am Vater hing, lange zwiſchen Tod und Leben ſchwebte, brauche ich nicht zu ſagen. Ich hatte wohl dieſes Ereigniß neben ähnlichen in einer unſerer patrio⸗ tiſchen Zeitungen geleſen mit den gehörigen Kraftausdrücken über Verrath, Meineid, wodurch der Charakter des ganzen italieniſchen Volks gebrand⸗ markt wird. Wie ganz anders war es mir aber jetzt! Wenn ich an all den Jammer denke, welcher nur binnen der letzten Jahre die böſe Che zwiſchen Italien und Oeſterreich uͤber Tauſende von italieniſchen, über tauſend