Jahrgang 
2 (1860)
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Von Hermann Reuchlin. 469

will, der kann wohl keinen beſſeren Führer finden als Martens und ſein Italien.

Von Zeit zu Zeit erhielt unſer Wagen mit nur fuüͤnf Reiſenden zu ſeinen vier Pferden noch vier oder doch zwei jener romagnoliſchen grau⸗ weißen, ſtarkhornigen Stiere, welche ebenſo groß, als die feurigen Pferde klein ſind. So kamen wir bald ziemlich hoch, aber da es mitunter auch wieder bergab lief, ſo koſtete es wohl ſechs Stunden, bis wir zu oberſt an⸗ langten. Meiſt zweirädrige Wagen, auch dieſe nicht ſelten mit vier bis ſechs Thieren beſpannt, manchmal ein Geiſtlicher auf einem Eſelskarren, begeg⸗ neten uns. Von Lojano an flochten Mädchen fleißig Strohzöpfe; nur alte Weiber gingen noch die Kunkel im Gürtel. Ziemlich hoch oben blühten Apfel⸗ und Birn⸗, weiterhin Kirſchbäume. Je höher, je vorherrſchend deut⸗ ſcher wurde die Pflanzenwelt. Die Eichen haben eine glattere, härtere Rinde als bei uns, ihre Zweige ſind nicht gar ſo knorrig; die unregelmäßi⸗ gen, bizarren Züge des Apennin kann ich mit nichts beſſer vergleichen, als mit den Aeſten unſerer Eichen. Sie ſind in ihrer Schroffheit und Verwir⸗ rung ein großes Hinderniß der italieniſchen Nationaleinheit; nichts muß bildender ſein, als hier die beſte Linie für eine Straße herauszufinden. Dazu kommt, daß die Bergabhänge häufig ins Rutſchen gerathen, während ich doch wieder eine Scheune ſah, deren Wände dadurch gebildet wurden, daß man innerhalb und an drei der äußeren Seiten die ſteinige Erde wegſchaffte.

Es war mir oben, als riefen mir von allen Seiten die Pflanzen zu: auch hieſig! Baſe Schlehblüͤthe, Jungfer Schlüſſelblümchen ſtanden an der Quelle, wie die Mädchen am Brunnen, und die grobe Magd Schweinsbohne und der pikante Geſellſchafter Wachholder und dann eine weitläufige Viſtte von lauter ächt deutſchen Gänſeblümchen, unwiſſend, daß ihre Bäschen in Paris adelig ſind und gar feine Liebesbotinnen, wie bei uns das Vergiß⸗ meinnicht. Und wirklich ich höre ihn, den Gruß, den guten alten Gevatter Kukuk, er ruft wie an der Echaz:Der rechte Kukuk, der bin ich ja ſchon, 's hat ja nur mein Vater den einzigen Sohn!

Da nun das alte Kukukslied zum Herein⸗ und Heimkommen einladet, ſo gedachte ich denn auch wieder an den Rückzug in mein Coupé. Meine ſchöne Begleiterin hatte doch endlich ein Auge aufgemacht. Eigentlich hatte ich ſie im Verdacht, ſie werde den Veglione, den Maskenball in Bologna mitgemacht haben, deſſen Nachzüglern ich begegnete, als ich um vier Uhr ausmarſchirt war. Aber die Arme hatte bis nach Mitternacht geſchrieben

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