Jahrgang 
2 (1860)
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466 Eine Wanderung nach der Pleſſe. Von Karl Seifart.

noch einmal ſinnig die Abendlandſchaft durchſchweifen. Tretet mir nicht zu keck und waghalſig an den äußerſten Rand der bröckelnden Mauer, ihr ſchönen Mädchen, ſonſt ſteigen romantiſche Rettungsgedanken in mir auf! Welch' tiefe Empfindung, welch' ſüßes Sinnen ſpricht ſich in dieſen dunklen Augen aus, die über den friſchen, vom Abendroth roſig angehauch⸗ ten Wangen erglänzen! Die Mädchen können ſich nicht losreißen von dem überwältigenden Anblick der erhabenen Natur, und vergeſſen ganz, daß ſie faſt allein ſtehen auf der öder und öder werdenden Burg.Pauline! Ma⸗ thilde! ertönt jetzt vom Burgthor her die klangvolle Stimme der beſorgten Mutter, und aufſchreckend eilen die Mädchen gleich ſcheuen Rehen davon. Es iſt doch eine Verläumdung, wenn Heinrich Heine behauptet, daß die Göttingerinnen große Füße hätten. Die da wenigſtens ſchweben auf den niedlichſten Füßen graziös dahin, und wenn es ſolcher Füße mehr in der Welt gibt, ſo begreift man, wie Daumer die Stiefeletten einer Schönen beſingen konnte.

Mehr und mehr verhallen die Stimmen der Heimkehrenden im Walde, länger und länger fallen die Schatten der Thürme, und ſchon ſchimmern ihre höchſten Zinnen in dem matten Lichte, welches der ſich kräftiger fär⸗ bende Mond auch über die Wipfel der eifrig flüſternden Bäume ergießt. Fern im weiten Forſt ertönt der gelle Schrei der Eule, und über uns hin rauſcht es vom ſanften Flügelſchlage der Vögel, welchen die Nacht gehört. Geheimnißvoll und ſeltſam lebt und webt es ringsum. Was ſchleicht dort um den Thurm? Es iſt nur der alte Wirth, der uns die Laterne ange⸗ zundet hat und dem wir jetzt gute Nacht ſagen. Schwarz dehnt ſich der buchenüberwölbte Pfad.Im Walde geh' ich wohlgemuth, mir graust's vor Räubern nicht! Lebe wohl, du ſchöne, waldvermählte Burg! Wie ſie dich jetzt wieder umſpielen und umnecken, die im Silber⸗ licht erzitternden Zweige, als hätten ſie die ſchweigende Nacht zu trautem Gekoſe erwartet! Morgen erſtrahlſt du wieder in dem goldenen Braut⸗ ſchmuck, mit welchem dich die Sonne umkleidet, und bieteſt gaſtlich wiederum frohen Menſchen den Freudenbecher der Natur und Poeſte. Mögen ſie ihn leeren bis auf den Grund, und möge ihre dankbare Erinnerung ſich den Tauſenden und aber Tauſenden zugeſellen, welche dein waldbekränztes Ge⸗ mäuer mit den Flügeln des Geiſtes umwehn!