Jahrgang 
2 (1860)
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Von Karl Seifart. 465

Kühler weht die Luft, und hier von der Linde aus zeigen ſich in der Landſchaft die erſten goldrothen Spuren der abendlichen Sonne; auch die fröhlichen Stimmen ringsum hallen gedämpfter, denn unwillkürlich ehrt der Menſch das feierliche Schweigen der zum Schlummer neigenden Natur und ſtört es nicht gern durch allzu laute Luſt. Wie prachtvoll breitet ſich die weite Landſchaft vor uns aus! Erſchien ſie uns am Morgen, als wir ſte vom Hainberg aus überſchauten, wie eine verſchloſſene, vom Morgenthau befeuchtete Knospe, ſo liegt ſie jetzt zu voller Blüthe entfaltet vor uns, und die weit ins Land fallenden Schatten und die mehr und mehr dunkelnden Tinten der fernen Berge geben ihr bereits eine elegiſche Färbung, eine Färbung, die uns daran mahnt, daß dieſe ſchöne Blüthe bald ganz hin⸗ welken und vom Mondlicht falb übergoſſen, bleich in ſchwarzer Nacht dahin⸗ ſterben wird. Schon rüſtet man ſich an den Tiſchen und auf den Lager⸗ plätzen zum Aufbruch, und die Damen greifen nach Hut und Mäntelchen; wir eilen nicht ſo, wir verlaſſen uns auf unſere Wegkunde und auf unſere Handlaterne, ſitzen vor unſerm im Abendroth funkelnden Glaſe und ſtimmen mit leiſem Summen, aber in tiefem Herzen mit lautem Jubel, in das Lied ein, welches die Arm in Arm abziehenden Studenten von den zerfallenen Mauern der Burg widerhallen laſſen:

An der Saale kühlem Strande Stehen Burgen ſtolz und kühn.

Ihre Dächer ſind zerfallen

Und der Wind ſtreicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin.

Zwar die Ritter ſind verſchwunden, Nimmer klingen Speer und Schild, Doch dem Wandersmann erſcheinen Auf den altbemoosten Steinen

Oft Geſtalten zart und mild.

Droben winken holde Augen,

Freundlich lacht manch' rother Mund.. Wandrer ſchaut wohl in die Ferne, 4 Schaut in holder Augen Sterne,

Herz iſt munter und geſund.

Und, da erſcheinen ſie ja, die Geſtalten zart und mild, und heiter und geſunden Herzens ſchaut der Wanderer in die Sterne holder Augen, welche Hausblätter. 1860. II. Bd. 30