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462 Eine Wanderung nach der Pleſſe.
lichen Geſange im weiten, ſchönen Deutſchland fliegt auf den Flügeln der
entzückter Bliurück zu dieſem alten Gemäuer und zu den rauſchenden Wipfeln
die grade mit deacht.— So dachte ſchon vor mehr als einem halben Jahr⸗
„hundert ſelbſt der alte, trockene Meiners, als er unter dieſer Linde ſaß, und ſein dürrer Stil nahm einen höhern Schwung. Ziehen wir das alte Buch hervor und lauſchen wir ſeinen Worten.
„Mit Fleiß nenne ich dich zuletzt, ehrwurdige Linde, Königin und Schutzgöttin der Pleſſe, welche gewiß noch die Hände eines edlen Ritters an den Rand des weſtlichen Abgrunds pflanzte, wo du ſeit Jahrhunderten allen Stürmen getrotzt haſt und von allen Ungewittern verſchont geblieben biſt. Die ganze Oberfläche der Pleſſe iſt für mich und manche andere Einwohner von Göttingen heiliger Grund. Weder zwiſchen der äußern und innen Mauer, noch an dem ſudlichen und weſtlichen Abſturze, noch auf der rſten Höhe des Berghügels iſt irgend ein Fleck, auf welchem ich nicht zut innigſt geliebten oder geſchätzten Perſonen ländliche Freudenfeſte gefeie« hätte. Ich
mag hintreten, wohin ich will, ſo treffe ich immer die Fußſtanen von Freun⸗ den und Freundinnen; und wenn ich einſam umher irre, ſo iſt mir, als wenn mir die guten Geiſter abweſender oder längſt ntſchlafener Freunde und Freundinnen begegneten. Wie oft habe ac auf der Pleſſe geſehen, daß Greiſe ſich verjüngten und an kindlicher oder jugendlichen Scherzen, Spielen und Beſchäftigungen den lebhafteſter Antheil nahmen! Wie oft war ich Zeuge, daß die ernſthafteſten Geſicker ſich dort erheiterten; gepreßte Herzen ſich der unſchuldigen Freude wiedr öffneten, Unbekannte durch gemeinſchaft⸗ liches Vergnügen bis zur Vertreulichkeit zuſammengezogen wurden, Fremd⸗ linge endlich bei dem Anblick der Ruinen oder bei der Ausſicht in die um⸗ liegende Landſchaft entwede in ſtilles Entzücken verſanken oder in laute Bewunderung ausbrachen. Unter den heiligen Oertern der Pleſſe aber hat keiner für mich eine hihere Weihe, als der Platz, den die große Linde beſchattet. Unter dieſe Linde genießt man die weiteſte Ausſicht. Hier iſt man nicht nur gegen die Strahlen der Mittagsſonne, ſondern auch gegen die meiſten rauhen Winde geſchützt. In ganz Europa gibt es gewiß nur wenige Biume, unter velchen ſo viele Männer von großem Geiſt und edlem Herzen geruht haben, als unter der Linde auf der Pleſſe. Wenn eine marmorne oder ehrne Tafel die Namen der Männer aufbewahrte, welche ſich der Schönheit und des Schutzes dieſes Baums erfreut haben, ſo wuͤrden die Nachkommen zu der Linde auf der Pleſſe wallfahrten, um die heilige Stätte zu ſegnen und gleicher Freude theilhaftig zu werden!“—


