460 Eine Wanderung nach der Pleſſe.
vor welchem wir jetzt ſtehen.— Der untere Theil dieſer Citadelle der Burg iſt außerordentlich ſolid und ganz von behauenen Steinen aufgemauert, kein Bliedenwurf mochte ihn erſchuttern; der Eingang findet ſich einige dreißig Fuß uber der Erde und war fruͤher nur durch eine Strickleiter zu erreichen. Jede größere Burg hatte einen ſolchen Bergfried, und er gab im Fall der Noth, wenn alle andern Werke bereits von einem erobernden Feinde genom⸗ men waren, den letzten ſichern Zufluchtsort ab.
Das zweite Hauptgebäude war das eigentliche herrſchaftliche Wohn⸗ haus oder der„Pallas“ mit ſeinen weiten Ritterſälen, ſeinen wohnlichen Kemnaten. Die Burg Pleſſe ſcheint zwei ſolcher Gebäude gehabt zu haben, denn nicht allein in der Nähe des Bergfrieds deuten morſche Spuren ver⸗ witterter Mauertruüͤmmer und Fenſterhöhlen darauf hin, daß hier ein großes Wohnhaus geſtanden, ſondern auch weiter unten, dem Burgthor zu, finden wir ſolche Reſte, und wiſſen aus Lezner, daß ein ſehr hoch und feſt gebautes Haus, welches die Herren von Ludolfshauſen als Pleſſiſche Burgmänner bewohnten und welches das Burgmannshaus oder große Steinhaus genannt wurde, an der Südſeite des Zwingerhofs lag und die innern und äußern feſten Werke wie mit einem aus Felſen geſchürzten Knoten verband.
Obgleich die Pleſſe noch im dreißigjährigen Kriege theilweis bewohnt war und viele ihrer Gebäude noch in leidlichem Stande ſein mochten, hat doch, nachdem die Häuſer als baufällig verlaſſen waren und die heſſiſche Regierung die bedeutenden Koſten zu einer Reſtauration derſelben nicht auf⸗ wenden wollte, der Vandalismus des vorigen Jahrhunderts ſo gründlich unter den Reſten aufgeräumt, daß ſich aus den vorhandenen Trümmern nichts gewiſſes uͤber Conſtruction und Lage der großen Wohnhäuſer beſtim⸗ men läßt. Die anliegenden Ortſchaften, namentlich das hier unter uns ſo ſauber und nett ausgebreitete Eddiehauſen, betrachteten die verlaſſenen Ge⸗ bäude und Mauern der Pleſſe als bequeme Steinbrüche, die ſie zu ihren baulichen Beduͤrfniſſen ungehindert benutzten, bis endlich gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts die Regierung ein ſtrenges Verbot gegen dieſen Mißbrauch erließ. Auch waren, wie das Volk erzählt, die abgeſchiedenen Geiſter der Burgbewohner ſehr übel mit der Zerſtörung ihrer alten Behau⸗ ſungen zufrieden; davon konnte ein Mann in Eddiehauſen nachſagen. Als dieſer nämlich einſt auf der Pleſſe damit beſchäftigt war, Steine aus einer Mauer zu brechen, entſtand um ihn ein ſo ſeltſames und grauenhaftes Ge⸗ räuſch, daß er einer Ohnmacht nahe kam und mit zitternden Knieen, ſo


