Jahrgang 
2 (1860)
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Von Eduard Ziehen. 15

gekehrten Leuten erzählte, daß meine Frau beim Ueberſchreiten des unterhalb der Mühle über den Fluß gelegten Steges, der aus dem Garten in die Wieſe führte, ausgeglitten und von der Strömung fortgeriſſen worden ſei. Ich wollte der Ungluͤcklichen dadurch ein ehrliches Begräbniß ſichern. Das Geruͤcht traf erſt ſpäter das Wahre.

Ich habe manche ſchwere Kämpfe im Leben zu beſtehen gehabt aber wenn ich mir die Nacht vergegenwärtige, welche jenem ſchrecklichen Abend folgte, ſo däucht mir's, als ob all' meine übrigen Leiden und Schmer⸗ zen nichts als Freuden geweſen ſeien. Starr und regungslos ſaß ich neben der Todten, den Blick unverwandt auf ihr bleiches Antlitz geheftet, deſſen holdſeliges Lächeln mich nun nie wieder beglücken ſollte. In meiner Bruſt aber raste die Hölle, und in meinem fiebernden Hirn jagten ſich Rache⸗ gedanken ſo wild und gräßlich, daß ich noch heute davor ſchaudre.Der Oberſt iſt der Mörder deiner Anna! meint' ich fort und fort eine Stimme rufen zu hören, welche das Rauſchen der Fluten, die ſchäumend durch das Wehr und die Schaufeln des Mühlrades ſtürzten, und das Brauſen des Sturms, der vom See und vom Walde daherraste und das Haus umtobte, nicht zu übertäuben vermochten. Ich wußte nicht, was vorgefallen war aber daß der Oberſt am Tode meiner Frau ſchuld ſei, ſelbſt wenn er keine verbrecheriſche That begangen, das ward zur felſenfeſten Ueberzeugung in mir. Eine grenzenloſe Wuth erwachte in meiner Bruſt, und ich beſchloß, wenn ich Beweiſe von der Schuld des Oberſten erlangt, eine ausgeſuchte Rache an ihm zu nehmen.

Als ich am Tage nach der Beſtattung meiner Frau allein im Zimmer ſaß, öffnete ſich die Thür, und der Oberſt trat herein. Bei ſeinem Anblick fuhr es mir wie ein Stich durch's Herz, und das Blut kochte mir in den Adern; doch ich bezwang meinen Grimm, ſchritt auf den Oberſten zu und fragte mit gepreßter Stimme:Könnt Ihr mir ſchwören, Herr Oberſt, daß Ihr an dem Tode meiner Frau unſchuldig ſeid? Eine ſolche Frage hatte er nicht erwartet. Er blickte mich einige Sekunden in ſichtlicher Beſtürzung an und verſetzte zögernd:Hört mich ruhig an, Geyer. Ich bin allerdings während Eurer Abweſenheit in der Mühle geweſen aber ich. Das war mir genug. Kaum wiſſend, was ich that, riß ich eine Armbruſt von der Wand und drückte ſie auf den Oberſten ab, ehe er noch einen Schritt vorwärts oder rückwärts thun konnte. Der ſcharfe Bolzen riß ihm den Hut vom Kopf und fuhr tief in den Thürpfoſten. Mit einem dumpfen Fluch ſturzte der Oberſt davon, und ich rief ihm zähneknirſchend über den Fehlſchuß

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