Jahrgang 
2 (1860)
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Schloß Tannenſee.

O triebene Aengſtlichkeit, mit welcher meine Frau jedem Fremden auswich, billigte dieſelbe hier jedoch vollkommen, da ich viel von dem grenzenloſen Leichtſinn des Oberſten gehört hatte, und trug das Geld ſelbſt zu dem letz⸗ teren, der mich freundlich wie immer empfing und mir mittheilte, daß er mir demnächſt ein neues Haus bauen laſſen wolle. Ich dankte ihm für ſeine Güte, verſicherte ihm aber, daß mein altes Haus mir vollkommen genüge, und daß ich nichts mehr wunſche, als auch in Zukunft darin ſo glücklich zu leben wie bisher. Damit ging ich und beſchloß, ihn bei der nächſten Gele⸗ genheit offenherzig zu bitten, meine Frau mit ſolchen glatten Worten, wie ſie wohl unter großen Herren und Damen Mode ſeien, verſchonen zu wollen.

Nicht lange darauf kehrte ich eines Abends es war im Herbſte von einer Wanderung nach dem Kloſter zuruck. Als ich ins Haus trat,

64 fand ich alle Räume leer. Ich ging in den Garten auch dort war nie⸗ mand. Meine Leute pflegten Abends oft auf ein Stuͤndchen nach der Schenke im Dorf oder nach dem Schloſſe zu gehen und dort zu plaudern

aber meine Frau hatte um dieſe Zeit noch nie die Mühle verlaſſen. Mit ſteigender Unruhe durchſuchte ich das ganze Haus meine Frau war nir⸗

gends zu erblicken. In der Meinung, daß ſie vielleicht doch ins Dorf ge⸗ 4 gangen ſei, lief ich dorthin und fragte Haus bei Haus, ob jemand ſie geſehen habe, allein keiner wußte mir Auskunft über ſte zu geben. Dagegen ſagte 1 mir ein alter Mann, daß er den Oberſten vor einer Stunde habe aus der

Mühle kommen ſchen. Eine furchtbare Angſt bemächtigte ſich meiner, und von einer entſetz⸗

lichen Ahnung getrieben, ſtürzte ich nach dem See drüben bei den finſtren

Tannen. Im ungewiſſen Mondzwielicht erblickte ich einen weißen Gegen⸗

ſtand auf den regungsloſen dunklen Fluten. Kaum meiner Sinne mächtig,

ſprang ich in den morſchen Kahn, den ſeit Jahren keines Menſchen Fuß

betreten hatte, und arbeitete mich mit einem zerbrochenen Ruder nach dem

weißen Gegenſtand hin, den ich alsbald für ein Tuch erkannte. Jetzt hatt'

ich es erreicht jetzt langt' ich in die Tiefe mir grauſet's noch, wenn

ich an jenen Augenblick denke ich erfaßte eine eiskalte Hand die Hand.

meiner unglücklichen Gattin! Ich raffte all' meine Kraft zuſammen, um

Herr meiner ſelbſt zu bleiben aber als ich die entſeelte Hülle meiner

Anna emporzog, war mir's, als ob der Wahnſinn mich mit ſeinen Krallen

umklammere. V Nach vielen Anſtrengungen brachte ich die Leiche ans Land und trug

ſie über die einſame Heide nach der Mühle, wo ich meinen inzwiſchen heim⸗