Von Eduard Ziehen. 13
ihn gehegt habe, und daß er bei weitem nicht ſo ſchlimm iſt, wie die Leute glauben.“
„Nicht ſo ſchlimm!“ rief der Muͤller höhniſch lachend.„Ihr habt gut reden, Georg— Euch hat er vielleicht wenig oder nichts zu Leide gethan! Aber Gott ſteh' mir bei— ſo oft ich ihn ſehe, fährt es mir wie ein zwei⸗ ſchneidiges Schwert durch die Bruſt. Ich wollte, die Reue fräße ſein ſchwar⸗ zes Herz durch und durch!“—„Ihr habt ſchon mehrfach ſolche Verwün⸗ ſchungen gegen meinen Herrn ausgeſtoßen— weßhalb grollt Ihr ihm denn ſo?“ fragte Georg.—„Eigentlich ſollt' ich niemand auf der Welt etwas davon ſagen,“ erwiderte Geyer;„damit Ihr aber ſeht, daß ich gegründete Urſache habe, den Oberſten zu haſſen, ſo lang' ich athme, ſo will ich Euch erzählen, wie er mein Lebensgluck mit Fuͤßen getreten hat.— Es geſchah, als Ihr nach dem Kriege ein paar Jahre lang nicht hier waret.“
Geyer ſchwieg einige Augenblicke und fuhr dann ruhiger fort:„Ihr wißt, daß ich während der Zeit, wo der Oberſt zum zweitenmal in den Krieg gezogen war, die Mühle von meinem Vater übernahm und mich mit der Tochter des Müllers Barthold verheirathete. Was es heißt, mit einem geliebten Weibe glücklich zu leben, vermögt Ihr nicht zu begreifen— Ihr ſeid ſtets einſam durch's Leben gegangen. Mir kam die Welt ganz anders vor, ſeitdem meine Anna unter meinem Dache waltete. Es war mir, als rauſchte der Muhlbach luſtiger, als blühten und dufteten die Blumen herr⸗ licher, als glänzte der Himmel heller und ſängen die Vögel freudiger.
„Zwei Jahre lang lebt ich mit ihr in ungetrübtem Frieden— da kam der Oberſt zuruck, und mit ihm zog der Teufel in mein Paradies ein. Stolz und hart gegen alle übrigen Menſchen weit und breit, war er gegen mich ſtets freundlich, beſuchte mich häufig und ließ, ohne daß ich ihn darum bat, die Mühle beſſern und verſchönern. Da der Vater des Oberſten meinem Vater ſtets ein beſondres Wohlwollen bewieſen, weil dieſer ihm bei einer Waſſersnoth das Leben gerettet hatte, ſo wähnte ich, der Sohn fühle ſich gedrungen, mich ebenfalls mit Guͤte zu behandeln— allein nur zu bald ward mir der Grund ſeiner Freundlichkeit klar.
„Eines Tages erſuchte ich meine Frau, auf's Schloß zu gehen und dem Oberſten den fälligen Zins hinzutragen, da ich mit Geſchäften über⸗ häuft war. Sie nahm das Geld, ohne ein Wort zu entgegnen, und verließ das Haus, kam aber wieder zurück und bat mich, ihr den Gang abzunehmen — der Oberſt ſage ihr ſtets ſo viele Schmeicheleien, wenn er ſie ſehe, daß ſie jedes Geſpräch mit ihm zu vermeiden wünſche.— Ich kannte die über⸗


