Von Eduard Ziehen. 11
und ſchmetterten die Trompeten durch die Gaſſen; mit lautem Geſchrei eilte alles nach den Sammelplätzen, und ehe noch der Feind die erſten Häuſer der Vorſtadt erreicht hatte, ſtanden ſämmtliche Kavallerie⸗ und Infanterie⸗ Abtheilungen, welche in der Stadt lagen, ſchlagfertig da. Es begann ein erbitterter Kampf, der lange hin und her ſchwankte, ohne daß ſich der Sieg auf die eine oder die andere Seite neigte. Es hatte mir viele Mühe gekoſtet, meinen Herrn aus ſeinem ſchweren Schlaf zu erwecken; als er aber erſt auf ſeinem Pferde ſaß und an der Spitze ſeiner Reiter gegen die Feinde los⸗ ſprengte, ſtuͤrmte er mit einer ſolchen Wuth auf ſie ein, daß die Seinigen ihm kaum zu folgen vermochten. Nur Einer, der den Tod ſuchte, konnte ſo tollkühn raſen; aber es war, als ob er von Kopf bis zu Fuß in undurch⸗ dringlichen Stahl gehüllt ſei und alle Kugeln und Schwerter kraftlos von ihm abglitten. Während rings um ihn her Freund und Feind ſtürzte, blieb er unverſehrt.
„Die Unſrigen fochten wacker, aber endlich mußten ſie doch den Kaiſer⸗ lichen das Feld räumen. Mein Herr wollte von einem Rückzuge nichts wiſſen und wehrte ſich mit ſeiner ſtark zuſammengeſchmolzenen Schaar gegen die von allen Seiten heranrückenden Feinde wie ein grimmiger Löwe; erſt auf den wiederholten Befehl des Oberkommandanten gab er den ungleichen Kampf auf und ſchloß ſich dem Hauptkorps an, deſſen Rütin er mit dem größten Geſchick deckte.
„Im Laufe der nächſten Wochen kamen wir nur hin und wider einige Stunden aus dem Sattel, und auf unſren Kreuz⸗ und Querzügen fiel faſt täglich ein Scharmützel mit dem uns verfolgenden Feinde vor. Auf dieſe Weiſe konnte ich nur dann und wann an den unglücklichen Zweikampf und an die Briefe und Werthſachen denken, welche ich der Gattin des Rittmeiſters zu ſenden beabſichtigte. Da nämlich das Regiment, bei welchem der letztere geſtanden, von demjenigen, in welchem mein Herr diente, getrennt worden war, ſo glaubte ich, daß mir dieſe Pflicht jetzt obliege. Erſt nach einem unbedeutenden Gefecht, in welchem mein Herr jedoch eine ziemlich gefährliche Wunde erhalten hatte, fand ich ſo viel Zeit, alles, was ich dem Gefallenen abgenommen, einzupacken und nach dem Städtchen zu ſenden, welches in mehreren Briefen als der Wohnort der Rittmeiſterin bezeichnet war. In dem kurzen Schreiben, welches ich unter dem Namen eines„Freundes“ des Rittmeiſters beifügte, meldete ich ihr, daß ihr Gatte„in einem hitzigen Kampf gefallen“ ſei und daß ich nur die anliegenden Gegenſtände haſtig habe zu mir nehmen können. Da mein Herr in einem heftigen Wundfieber


