Von Eduard Ziehen. 9
aber hatten wir den Fuß aus dem Bügel geſetzt, als auch ſchon Hufſchlag in der Ferne erklang, und der Rittmeiſter zu unſrer Verwunderung ganz allein dahergejagt kam. Sein Reitknecht war dicht vor der Stadt mit dem Pferde geſtürzt und hatte das letztere, das lahm geworden, am Zügel zuruͤck⸗ führen müͤſſen.
„Die beiden Gegner ſchritten ſchweigend hinter ein vorſpringendes Ge⸗ buͤſch, wo der Boden eben und mit kurzem Gras bewachſen war; ich mußte wieder aufſitzen und mit den beiden Pferden am Rande des Waldes halten. Auf dieſe Weiſe konnte ich nichts von dem ſehen, was zwiſchen meinem Herrn und dem Rittmeiſter vorfiel.
„Anfangs wechſelten Beide kein Wort miteinander— ſie zogen die Schwerter und griffen einander mit der größten Erbitterung an, wie ich aus dem ſcharfen Klang der raſch aufeinander folgenden Hiebe ſchließen konnte. Dann verſtummte plötzlich das Klirren der Waffen, und ich hörte, wie Beide erſt ruhig, dann heftig und immer heftiger mit einander redeten. Es kam mir ſo vor, als ob Einer die Hand zur Verſöhnung geboten, der Andere ſie aber von ſich gewieſen habe. Gleich darauf begann der Kampf mit raſender Wuth von neuem, und ich lauſchte mit pochendem Herzen auf das Klirren der Waffen, das unheimlich im Walde widerhallte.— Plötzlich ſchrie der Rittmeiſter laut auf:„Mein armes Weib!“— und nach dieſem Verzweif⸗ lungsruf ward es ſtill, ſtill wie im Grabe. Einige Minuten ſpäter kam mein Herr haſtig auf mich zu, ſagte mir mit dumpfer Stimme, daß der Rittmeiſter gefallen ſei, und befahl mir, die Leiche in den Wald zu tragen und mit Reiſern zu bedecken und dann heimzureiten; er werde ſie am nächſten Morgen nach der Stadt bringen laſſen und für eine geziemende Beſtattung ſorgen. Damit ſchwang er ſich auf ſein Pferd und ſprengte davon.
„Ich band mein und des Rittmeiſters Pferd an einen Baum, eilte nach dem Platze, wo der Zweikampf ſtattgefunden, und unterſuchte den Gefalle⸗ nen, der kein Lebenszeichen mehr von ſich gab. Der Degen meines Herrn hatte ihm die Bruſt durchbohrt; aus der klaffenden Wunde quoll das Blut in Strömen hervor, an Rettung war nicht zu denken. Ein großer Schreck aber befiel mich, als ich ſah, daß der Unglückliche nichts als das Gefäß ſeines Degens in der krampfhaft geſchloſſenen Rechten hielt— die Klinge war dicht über dem Griff abgebrochen und lag einige Schritte ſeitwärts im Graſe. Mein erſter Gedanke beim Anblick dieſer zerſprungenen Waffe war ein ſchrecklicher Argwohn gegen meinen Herrn: ich glaubte dazumal, dieſer habe unehrlich gekämpft und den Rittmeiſter tückiſch erſtochen, nachdem derſelbe


