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Von Eduard Ziehen. 5
Tode ſeiner Frau, die vor vierzehn Jahren auf eine räthſelhafte Weiſe ver⸗ unglückt war, ſtand er ganz allein in der Welt; Kinder beſaß er nicht. Ein dunkles Gerücht ſagte, daß der Oberſt an dem Tode der Müllerin ſchuld ſei und deßhalb ſo grimmig von Geyer gehaßt werde. Aus Achtung vor dem letzteren hatte jedoch niemand dieſem Geruüchte näher nachgeforſcht. Daß Geyer nie auf's Schloß ging, ſondern ſeine Pacht ſtets dem Verwalter ſchickte und von dieſem eine Quittung darüber empfing, erſchien jedem als etwas Gewöhnliches und Natuͤrliches; auffallend aber war es, daß der Oberſt dem Müller auf's ſorgfältigſte auswich und ſich ſeit vierzehn Jahren nicht ein einzigesmal in der Nähe der Muͤhle hatte ſehen laſſen. Der Glaube der Leute, daß den Oberſten ſein böſes Gewiſſen quäle, hatte dadurch mehr und mehr Boden gewonnen.
Noch reicheren Stoff zu Vermuthungen aller Art gab es den Bewoh⸗ nern der umliegenden Gegend, daß in der Mühle dann und wann ein junges ſchönes Mädchen erſchien, welches unter der Obhut der Priorin des etwa zwei Stunden entfernten Kloſters ſtand und fuͤr eine Anverwandte der letzteren galt. Als Grund ihres Aufenthalts in der Mühle ward angegeben, daß das Kloſter wegen ſeiner geringern Entfernung von der großen Land⸗ ſtraße häufig von den hin⸗ und herziehenden ſchwediſchen oder kaiſerlichen Truppen heimgeſucht werde, und daß Johanna— ſo hieß das Mädchen— weit und breit keinen ſicherern Zufluchtsort finden könne, als das Haus des Müllers Geyer, der ſie mit ſeinen handfeſten Knechten auf's kräftigſte vor Beleidigungen roher Krieger ſchüͤtzen könne. Außerdem war der Oheim Geyers vor Zeiten Verwalter auf dem Gute des Vaters der Priorin geweſen und dieſe daher mit dem Muͤller ſſeit vielen Jahren befreundet. Allein trotz dieſer natürlichen Erklärungen behaupteten die meiſten, es ſtecke ein Geheim⸗ niß dahinter, und ſelbſt der Pfarrer im nächſten Kirchdorf ſchien dieſe An⸗ ſicht zu theilen.
Um Näheres darüber zu erfahren, hatten einige das Factotum des Oberſten, den greiſen Georg, welcher ſich das volle Vertrauen des Müllers erworben hatte und faſt täglich in der Mühle aus- und einging, heimlich gebeten, Geyer einmal darüber auszuforſchen, allein dieſer hatte auf alle Fragen Georgs nur das erwidert, was jedermann bereits wußte.
An einem ſtillen Juniabend ſaß Geyer nach beendetem Tagewerk einſam vor der Thür und ſchaute gedankenvoll nach dem dunklen Fichtenhochwald an. See, hinter welchem ein prachtvolles Abendroth glühte. Das Mühlrad ſtand ſtille; das Waſſer rauſchte und brauste durch die halbgeöffnete Schleuſe,


