Jahrgang 
2 (1860)
Einzelbild herunterladen

4 Schloß Tannenſee.

geſchieden war, gegen einige ſeiner Gutsnachbarn in ſehr verletzenden Aus⸗ drücken äußerte, und daß ſeine Stimmung täglich finſterer und menſchen⸗ feindlicher wurde. Sein Diener Georg erzählte ſogar, der Oberſt habe eines Abends ſpät, als er in ſich gekehrt am Kamin geſeſſen und laute Selbſtgeſpräche geführt, die ſchrecklichſten Schmähungen gegen ſeinen Schwa⸗ ger ausgeſtoßen und zuletzt gerufen:Er hat gewiß meinen Sohn aus dem Wege geräumt, um mein Gut an ſich zu bringen!

Von dieſer Zeit an verfiel er in Schwermuth und ſchloß ſich mehr und mehr von der Welt ab; kaum daß er dann und wann einen Ritt zu einem ſeiner Gutsnachbarn unternahm oder nach dem düſtren Tannenwalde am See wanderte, wo er oft ſtundenlang ſaß und unverwandt auf die regungs⸗ loſen dunklen Fluten ſtarrte, in denen ſich die rieſenhohen Tannen und die langſam über den tiefblauen Himmel dahinwandernden weißen Sommer⸗ wolken ſpiegelten.

In dem Schloß und in deſſen Umgebungen ward es immer ſtiller und öder. Außer dem alten Diener des Oberſten, dem Verwalter und einigen Knechten und Mägden, welche die dringendſten landwirthſchaftlichen und häuslichen Arbeiten verrichteten, war faſt nie ein menſchliches Weſen dort zu ſehen; hätten nicht die Wechſelfälle des unausgeſetzt fortwüthenden Krie⸗ ges hin und wider eine Abtheilung ſchwediſcher oder kaiſerlicher Truppen nach dem Schloſſe geführt, worin man ſich vortrefflich gegen einen unver⸗ mutheten Angriff vertheidigen konnte, es wäre ein faſt unheimlicher Aufent⸗ haltsort geweſen.

Da der Oberſt in früheren Zeiten ſeine zinspflichtigen Bauern hart gedrückt und deren flehentliche Bitten um Erleichterung ihrer ſchweren Laſten ſtets kalt abgewieſen hatte, ſo ward er von allen gehaßt; daß er jetzt milder war, konnte keinen verſöhnen, da man glaubte, er ſei nur deßhalb nicht ſo ſtreng, weil er krank und hinfällig ſei und daruͤber manches vergeſſe.

Vor allem aber haßte und verabſcheute ihn keiner ſo wie der wohl⸗ habende Müllen Geyer, ein ſtattlicher, kräftiger Fuͤnfziger, deſſen männlich⸗ ſtolze Haltung und ernſte Miene einen entſchloſſenen, feſten Sinn verriethen. Er hatte die unweit des Schloſſes gelegene Mühle in Erbzins und ſtand bei allen Bewohnern der Umgegend in großem Anſehen, weil er ein höchſt rechtſchaffener, einſichtsvoller, thatkräftiger, menſchenfreundlicher Mann war, der erſt an Andere und dann an ſich dachte und der während der Kriegszeit durch ſeine Geiſtesgegenwart und Energie ſchon manche Unbill von den armen Bauern in den benachbarten Dörfern abgewendet hatte. Seit dem

;;;;D: