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Schloß Tannenſee.
Liebe, welche zwei edle Geſchlechter getrennt und verſöhnt, und eine alte
Familienchronik, zerleſen und vergilbt, erzählt in ſchlichten und oft rührenden
Worten, was jene längſt in Staub zerfallene Herzen einſt gequält und be⸗
4 glückt. Dem traurigſten und dem freudigſten Abſchnitt aus der Geſchichte des verödeten Schloſſes⸗ ſind die folgenden Blätter gewidmet.
In der letzten Periode des dreißigjährigen Krieges lebte auf dem Schloſſe Tannenſee der Oberſt Alexander von Rodenſtedt, dem alle weit und breit mit einer heimlichen Scheu auswichen und über deſſen früheres zügel⸗ loſes Leben manche ſeltſame⸗Geruͤchte umliefen. Sein Aeußeres und ſein Charakter waren in der That auch nicht geeignet, die Menſchen anzuziehen und ihm zu befreunden. Er ſtand zwar noch in den Fünfzigen, aber ſeine 1. gebeugte Haltung, ſein⸗ unſicherer Gang, ſeine ſpärlichen grauen Haare und ſein von tiefen Falten durchzogenes bleiches Geſicht deuteten auf ein viel höheres Alter hin. Die hohle, dumpfe Stimme und der lauernde, ſtechende Blick aus den tiefliegenden grauen Augen machten einen faſt unheimlichen Eindruck auf den, welcher ihn zum erſtenmale ſah. Mit ſeinem Charakter war im Lauf der Jahre in mancher Beziehung eine portheilhafte Verände⸗ rung vorgegangen: ſein frevelhafter Uebermuth und ſeine übermäßige Ge⸗ nußſucht waren mit dem herannahenden Alter verſchwunden, und die Hart⸗ herzigkeit, welche er in fruͤheren Zeiten gegen jedermann, ſelbſt gegen ſeine nächſten Angehörigen an den Tag gelegt, ward ſeiner Umgebung jetzt be⸗ deutend weniger fühlbar; dagegen hatten die Reue über ſein wildes Leben, der durch ſeine Verſchwendung herbeigeführte Verfall ſeiner ſchönen Be⸗ ſitzung und der Haß gegen den Bruder ſeiner verſtörbenen Frau, dem er ſchreckliche Dinge ſchuld gab, ſein Gemüth ſo verbittert, daß er oft ganze 4 Tage, in finſtre Grübeleien verſunken oder über wilden Racheplänen brü⸗ tend, einſam in ſeinem öden Zimmer ſaß. Wenn dieſer böſe Geiſt über ihn kam, durfte ihm niemand nahen, und ſelbſt ſein langjähriger treuer Diener Georg, der ihn auf allen ſeinen Kriegszügen begleitet hatte, wagte es dann kaum, vor ihm zu erſcheinen..
Ueber ſein vergangenes Leben wußte man nur wenig Beſtimmtes. In 4 ſeinem fünfundzwanzigſten Jahre hatte er ſich nach den Niederlanden begeben und dort unter dem Prinzen Moritz von Oranien mehrere Feldzüge gegen die Spanier mitgemacht. Nach ſeiner Heimkehr hatte er ſich mit der Tochter eines angeſehenen und reichen Landedelmannes vermählt, mit der er einige Jahre ziemlich glücklich lebte. Da er dieſe Verbindung nur deßhalb ge⸗ ſchloſſen hatte, um ſein tief verſchuldetes und halb verödetes Gut mit Hülfe
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