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Schloß Tannenſee.
Novelle auf hiſtoriſchem Hintergrunde.
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Eduard Ziehen.
1.
Am Fuß eines waldigen Höhenzuges zwiſchen Weſer und Elbe liegt, von düſteren Rieſentannen umſchloſſen, ein kleiner See, deſſen dunkle Fluten ſelbſt der Sturm, welcher die mächtigen Fichten drüben auf den Hügeln
niederſchmettert, nicht aus ihrer regungsloſen Ruhe aufzurütteln vermag—
ſo ſorglich ſchirmen ihn ſeine grünen Hüter mit ihren langen dichten Fächer⸗ zweigen vor allem, was ſeinen tiefen Frieden ſtören könnte. Gleich ſtill und einſam wie hier iſt es rings um das halbverfallene alterthümliche Gebäude, welches ſich am jenſeitigen Abhang der bewaldeten Hügel inmitten eines wild verwachſenen Gartens erhebt. Vor Zeiten bildete dies Schloß mit den dazu gehörigen umfangreichen Feldern und Wieſen an beiden Ufern des klaren Fluſſes, welcher hier ein fruchtbares Thal durchſtrömt und einen Büchſenſchuß vom alten Herrenhaus entfernt eine kleine Mühle treibt, eine der ſchönſten Beſitzungen viele Meilen in der Runde; jetzt haust in dem finſtern Bau nur ein bejahrter Kaſtellan, der einige Zimmer des Erdge⸗ ſchoſſes inne hat; die Ländereien werden bewirthſchaftet von einem Pächter in dem benachbarten Kirchdorf, deſſen rothen Thurm man vom obern Stock des verfallenen Gebäudes aus gewahrt.
In der Gruft der kleinen Dorfkirche ſteht eine Reihe dunkler Särge mit ſilbernen Wappenſchildern; drin ruhen alle Glieder der edlen Familie, welche jenes Schloß Jahrhunderte hindurch beſeſſen hat und deren Andenken noch heutzutage im Munde der Bewohner der umliegenden Gegend lebt. Halbverklungene Sagen ſprechen von wildem Haß und von aufopfernder
Hausblätter. 1860. II. Bb. 141


